Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Immanuel Kants Religion. 
15b 
Dennoch bleibt die Frage, ob der Mensch, der doch vom Bösen ausging, 
vor dem gerechten Gericht des heiligen Gottes jemals gerechtfertigt dastehen kann, 
da jener böse Anfang nicht durch das neue bessere Leben zugedeckt werden kann. 
Dies ist nun möglich, insofern der Mensch in seiner Sinnesänderung die 
Reinheit des Sohnes Gottes, des sittlichen Ideals, in sich aufgenommen hat, 
dadurch also moralisch ein andrer geworden ist. Diese personifizierte Idee, 
dieser Sohn Gottes selbst trägt somit „für ihn und so auch für alle, die an 
ihn (praktisch) glauben, als Stellvertreter die Sündenschuld, tut durch 
Leiden und Tod der höchsten Gerechtigkeit als Erlöser genug und macht als 
Sachwalter, daß sie hoffen können, vor ihrem Richter als gerechtfertigt 
zu erscheinen, nur daß (in dieser Vorstellungsart) jenes Leiden, was der neue 
Mensch, indem er dem alten abstirbt, im Leben fortwährend übernehmen muß, 
an dem Repräsentanten der Menschheit als ein für allemal erlittener Tod vor 
gestellt wird." — „Hier ist nun derjenige Überschuß über das Verdienst der 
Werke," den der vom Bösen ausgehende Mensch nie leisten kann, „und ein 
Verdienst, das uns aus Gnaden angerechnet wird." Denn von Rechts 
anspruch gegenüber dem Urteil Gottes kann ja bei uns keine Rede sein; wir 
können nur Empfänglichkeit uns beilegen; „der Ratschluß aber eines 
Oberen zur Erteilung eines Guten, wozu der Untergeordnete nichts weiter als 
die (moralische) Empfänglichkeit hat, heißt Gnade." 
Jesus ist mithin der wirkliche Mensch, in welchem als einem Beispiel für 
alle andern das gute Prinzip erschien und sich durchsetzte; sein Tod war die 
Darstellung des guten Prinzips, nämlich der Menschheit in ihrer moralischen Voll 
kommenheit, wodurch das böse Prinzip allerdings noch nicht endgültig besiegt, 
wohl aber seine Gewalt gebrochen wurde, so daß es die, welche ihm so 
lange untertan gewesen sind, nicht mehr wider ihren Willen halten kann, „indem 
ihnen eine andere moralische Herrschaft (denn unter irgend einer muß der 
Mensch stehen) als Freiheit eröffnet wird, in der sie Schutz für ihre Moralität 
finden können, wenn sie die alte verlassen wollen." — 
Was sagt nun aber der Bibelchrist zu solcher Umdeutung des Schrift 
inhalts? Kant fühlt sich selbst bei diesem etwas „unhistorischen" und gewalt 
samen Vorgehen nicht ganz wohl und rechtfertigt sich zum Schluß mit folgendem 
charakteristischen Satz: „Übrigens kann eine Bemühung wie^die gegenwärtige, in 
der Schrift denjenigen Sinn zu suchen, der mit dem Heiligsten, was die 
Vernunft lehrt, in Harmonie steht, nicht allein für erlaubt, sie muß vielmehr 
für Pflicht gehalten werden, und man kann sich dabei desjenigen erinnern, was 
der weise Lehrer seinen Jüngern von jemandem sagte, der seinen besonderen 
Weg ging, wobei er am Ende doch auf ebendasselbe Ziel hinauskommen mußte: 
Wehret ihm nicht, denn, wer nicht wider uns ist, der ist für uns."
	        

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