Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Immanuel Kants Religion. 
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der Mensch keineswegs die Hände in den Schoß legen und das Ganze „einer 
höheren Weisheit überlassen." „Er muß vielmehr so verfahren, als ob alles auf 
ihn ankomme, und nur unter dieser Bedingung darf er hoffen, daß höhere 
Weisheit seinen wohlgemeinten Bemühungen die Vollendung werde angedeihen 
lassen." 
Genug, die Idee eines Volkes Gottes ist (unter menschlicher 
Veranstaltung) nicht anders als in der Form der Kirche aus 
zuführen. Diese Kirche kann aber nicht auf einen bloßen Vernunftglauben 
gegründet werden, der sich jederzeit zur Überzeugung mitteilen läßt, sondern sie 
bedarf bei der Schwäche der menschlichen Natur zu ihrer Grundlage eines 
historischen oder eines Offenbarungsglaubens, „den man den Kirchenglauben 
nennen kann, und dieser wird am besten auf eine heilige Schrift gegründet. 
Eine solche Kirche ist aber geneigt, einen besonderen Gottesdienst einzu 
richten und von ihren Gliedern zu fordern, also einen „Dienst, den sie Gott 
zu leisten haben, wo es nicht sowohl auf den inneren, moralischen Wert der 
Handlungen als vielmehr darauf ankommt, daß sie Gott geleistet werden, um, 
so moralisch indifferent sie auch an sich selbst sein möchten, doch wenigstens durch 
passiven Gehorsam Gott zu gefallen." Daß die Menschen, wenn sie ihre Pflicht 
gegen sich selbst und andere erfüllen, „eben dadurch auch göttliche Gebote aus 
richten, mithin in allem ihrem Tun und Lassen, sofern es Beziehung auf Sitt 
lichkeit hat, beständig im Dienste Gottes sind, und daß es auch schlechter 
dings unmöglich sei, Gott auf andere Weise näher zu dienen (weil sie doch auf 
keine andre als bloß auf Weltwesen, nicht aber aus Gott wirken und Einfluß 
haben können) will ihnen nicht in den Kopf." Man will in Analogie mit 
irdischen Verhältnissen, wo jeder große Herr das Bedürfnis hat, von seinen 
Untertanen geehrt und durch Unterwürfigkeitsbezeugungen gepriesen zu werden, 
die Pflicht, sofern sie zugleich göttliches Gebot ist, als Betreibung einer An 
gelegenheit Gottes, nicht des Menschen behandeln, und so entspringt der 
Begriff einer gottesdienstlichen, statt des Begriffs einer reinen moralischen Religion. 
Immerhin darf nicht behauptet werden, die Kirche sei eine bloß menschliche 
Veranstaltung, da doch die reine moralische Religion „ohne die gehörig vor 
bereiteten Fortschritte des Publikums in Religionsbegriffen" nicht auf einmal 
habe erscheinen können. Sie ist ein Vehikel für den reinen Religionsglauben 
und ein Mittel der öffentlichen Vereinigung der Menschen zu seiner Beförderung. 
Und dazu bedarf sie eben eines heiligen Buches, durch das alle Einwürfe der 
Vernunft mit dem Wahlspruch niedergeschlagen werden können: Da steht's 
geschrieben. x ) Aber es bleibt doch dabei, daß der Kirchenglaube zu seinem 
i) Zu welchen Fatalitäten es führt, wenn man an dem inspirierten Buchstaben 
der Schrift sklavisch hängen bleibt und den Geist der gereinigten Religion nicht zum
	        

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