Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
höchsten Ausleger den reinen Religionsglauben hat und daß erst in dem all 
mählichen Übergang des Kirchenglaubens zur Alleinherrschaft des reinen 
Religionsglaubens die Annäherung des Reiches Gottes zu erkennen ist. 
4. Die grundsätzliche Unterscheidung von Reich Gottes und seiner Dar 
stellung in der sinnlichen Form der Kirche ist für Kant so wichtig, daß er ihr 
in seinem vierten Kapitel noch weitere eingehende Erörterungen widmet. 
Dieses vierte Stück betitelt sich nämlich sehr bezeichnend: Von Dienst und 
Afterdien st unter der Herrschaft des guten Prinzips oder von 
Religion und Pfaffentum. 
Gott selbst ist Urheber seines Reiches. Ist zu besten Verwirklichung auf 
Erden eine Kirche nötig, so ist auch wieder Gott selbst als Stifter der Urheber 
der Konstitution dieser Kirche, während Menschen, als Glieder und freie 
Bürger dieses Reiches, in allen Fällen die Urheber der Organisation sind. 
„Die reine Vernunftreligion sollte alle wohldenkenden Menschen zu ihren Dienern 
(doch ohne Beamte zu sein) haben, da wir ja in Ansehung aller unsrer Pflichten 
(die wir insgesamt zugleich als göttliche Gebote anzusehen haben) jederzeit im 
Dienst Gottes stehen." Afterdienst ist es nun, wenn die Diener einer 
Kirche nicht die beständige Annäherung an diese rein moralische Religion erstreben 
und fördern, vielmehr „die Anhänglichkeit an den historischen und statutarischen 
Teil des Kirchenglaubens für allein seligmachend erklären," indem sie das, „was 
nur den Wert eines Mittels hat, um dem Willen eines Oberen Genüge zu tun, 
für dasjenige ausgeben und an die Stelle dessen setzen, was uns ihm un 
mittelbar wohlgefällig mache." 
Auch das Christentum ist seinem Wesen nach natürliche Religion im Sinne 
Kants, d. h. Moral — in Beziehung auf die Freiheit des Subjekts — 
„verbunden mit dem Begriff desjenigen, was ihrem letzten Zweck Effekt ver 
schaffen kann — dem Begriffe von Gott als moralischem Welturheber -— und 
bezogen auf eine Dauer des Menschen, die diesem ganzen Zwecke angemessen ist, 
— auf Unsterblichkeit — ein reiner praktischer Vernunftbegriff, der unge 
achtet seiner unendlichen Fruchtbarbeit doch nur so wenig theoretisches Vernunft 
vermögen vorausgesetzt, daß man jeden Menschen von ihr praktisch hinreichend 
überzeugen und wenigstens die Wirkung derselben jedermann als Pflicht zumuten 
kann." — Dies schließt keineswegs aus, daß die christliche Religion zugleich als 
geoffenbarte angesehen werden kann, als solche ist ihr Inhalt früher und in 
größerer Ausbreitung von den Menschen angeeignet worden, als es durch den 
Ausleger macht, sucht Kant an dem Beispiel des Professor Michaelis zu zeigen, der 
das furchtbare Rachegebet des 69. Psalms billigt mit der Begründung: „Die Psalmen 
sind inspiriert; wird in diesen um eine Strafe gebeten, so kann es nicht Unrecht sein 
und wir sollen keine heiligere Moral haben als die Bibel"
	        

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