Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Immanuel Kants Religion. 
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bloßen Gebrauch ihrer Vernunft geschehen wäre. Diese höhere und wirksamere 
Vermittelung der moralischen Religion ist durch den Stifter der ersten wahren 
Kirche geschehen. Diese seine Würde beglaubigt sich als göttliche Sendung 
in seinen Lehren. Vor allem „will er, daß nicht die Beobachtung äußerer 
bürgerlicher oder statutarischer Kirchenpflichten, sondern nur die reine moralische 
Herzensgesinnung den Menschen Gott wohlgefällig machen könne (Matth. 5, 
20—48); daß Sünde in Gedanken vor Gott der Tat gleich geachtet werden 
(V. 28) und überhaupt Heiligkeit das Ziel sei, wohin er streben soll (V. 44); 
daß ein dem Nächsten zugefügtes Unrecht nur durch Genugtuung an ihm selbst, 
nicht durch gottesdienstliche Handlungen könne vergütet werden (V. 24), und 
im Punkte der Wahrhaftigkeit das bürgerliche Erpressungsmittel (!), der Eid, 
der Achtung für die Wahrheit selbst Abbruch tue" etc. „Er läßt überdem doch 
auch unter den Benennungen der engen Pforte und des schmalen Weges die 
Mißdeutuug des Gesetzes nicht unbemerkt, welche sich die Menschen erlauben, um 
an ihrer wahren moralische Pflicht vorbeizugehen und sich dafür durch Erfüllung 
der Kirchenpflicht schadlos zu halten (7, 13); von diesen reinen Gesinnungen 
fordert'er gleichwohl, daß sie sich auch in Taten beweisen sollen (5, 16), und 
spricht dagegen denen ihre hinterlistige Hoffnung ab, die den Mangel derselben 
durch Anrufung und Hochpreisung des höchsten Gesetzgebers in der Person seines 
Gesandten zu ersetzen und sich Gunst zu erschmeicheln meinen (5, 21). Von 
diesen Werken will er, daß sie um des Beispiels willen zur Nachfolge auch 
öffentlich geschehen sollen (5, 16) und zwar in fröhlicher Gemütsstimmung, nicht 
als knechtisch abgedrungene Handlungen (6, 16), und daß so, von einem kleinen 
Anfange der Mitteilung und Ausbreitung solcher Gesinnungen, als einem 
Samenkorn in gutem Acker oder einem Ferment des Guten, sich die Religion 
durch innere Kraft allmählich zu einem Reiche Gottes vermehren würde 
(13, 31—33). — Endlich faßt er alle Pflichten 1) in einer allgemeinen Regel 
zusammen, (welche sowohl das innere als das äußere moralische Verhältnis der 
Menschen in sich begreift), nämlich: tue deine Pflicht aus keiner anderen Trieb 
feder als der unmittelbaren Wertschätzung derselben, d. i. liebe Gott (den Gesetz 
geber aller ^Pflichten) über alles, 2) einer besonderen Regel, nämlich die das 
äußere Verhältnis zu andern Menschen als allgemeine Pflicht betrifft: liebe 
einen jeden als dich selbst, d. i. befördere ihr Wohl aus unmittelbarem, nicht 
von eigennützigen Triebfedern abgeleitetem Wohlwollen; welche Gebote nicht bloß 
Tugendgesetze, sondern Vorschriften der Heiligkeit sind, der wir nachstreben sollen, 
in Ansehung deren aber die bloße Nachstrebung Tugend heißt. Das moralische 
Gute darf man also nicht passiv von oben erwarten, sondern soll das anvertraute 
Pfund ernstlich benutzen. Die verheißene Belohnung will durchaus nicht den 
Eigennutz befriedigen und zur Triebfeder unsrer Handlungen machen, vielmehr 
werden diejenigen für die eigentlichen Auserwählten des Reiches erklärt, „welche
	        

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