Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
den Notleidenden Hülfe leisten, ohne sich auch nur in Gedanken kommen zu 
lasten, daß so etwas noch einer Belohnung wert sei." 
Dies „ist nun eine vollständige Religion, die allen Menschen durch ihre 
eigene Vernunft faßlich und überzeugend vorgelegt werden kann." Eine Religion, 
dagegen, welche „Glaubenssätze als notwendig vorträgt, die nicht durch die Ver 
nunft als solche erkannt werden, gleichwohl aber doch allen Menschen auf alle 
künftigen Zeiten unverfälscht mitgeteilt werden sollen, ist, wenn man nicht ein 
kontinuierliches Wunder der Offenbarung annehmen will, als ein der Obhut 
der Gelehrten anvertrautes heiliges Gut anzusehen." Machen nun diese 
gelehrten Hüter der Wahrheit den Glauben an Sätze, von welchen der Un- 
gelehrte sich weder durch Vernunft noch durch Schrift, (sofern diese allererst 
beurkundet werden müßte) vergewissern kann, zur absoluten Pflicht (üäs8 impsrata) 
und erheben ihn so samt anderen damit verbundenen Observanzen zum Rang 
»eines auch ohne moralische Bestimmungsgründe der Handlungen als Frondienst 
seligmachenden Glauben, so wird aus dem wahren Dienst der Kirche ein 
Afterdienst; die Diener werden zu gebietenden hohen Beamten, sie 
verwandeln den Dienst der Kirche in eine Beherrschung ihrer Glieder. 
Aber es ist ein gefährlicher Religionswahn, wenn man den Glauben an die 
Offenbarung und die heilige Geschichte und das Bekenntnis zu ihr als eine 
verdienstlichen Tat hinstellt; das wäre ja ein Tun, das durch Furcht abgezwungen 
wird. Wenn auch eine solche herrschende Kirche schließlich selbst den Staat sich 
unterwirft durch ihren Einfluß auf die Gemüter, sowie „durch Vorspiegelung 
des Nutzens, den dieser vorgeblich aus einem unbedingten Gehorsam soll ziehen 
können, zu dem eine geistige Disziplin selbst das Denken des Volkes gewöhnt 
hat," so untergräbt eben sie als „Gewöhnung an Heuchelei die Redlichkeit und 
Treue der Untertanen," „witzigt sie zum Scheindienst auch in bürgerlichen 
Pflichten ab und bringt so, wie alle fehlerhaft genommenen Prinzipien, gerade 
das Gegenteil von dem hervor, was beabsichtigt war." 
„O Aufrichtigkeit, du Asträa, die du von der Erde zum Himmel 
entflohen bist, wie zieht man dich (die Grundlage des Gewisiens, mithin aller 
inneren Religion) von da zu uns wieder herab?" — in dieser wehmütigen 
Klage klingt die Darstellung „der Religion innerhalb der Grenzen der bloßen 
Vernunft" aus. 
III. 
Nur eine dürftige Skizze von dem reichen Inhalt dieses persönlichsten der 
Kantschen Werke konnten wir geben, eine Skizze, die zudem an einer ganzen 
Reihe wichtiger Gedanken, wie sie namentlich in den großen Anmerkungen 
zu den vier Kapiteln noch weiter geführt werden, vorübergehen mußte. Und 
schließlich muß auch noch das gesagt werden, daß dieses Buch nicht einmal das
	        

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