Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Immanuel Kants Religion. 
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grundsätzlich bedeutsamste Werk Kants in Bezug auf die Religion ist. Es wird 
in Thilos vorzüglicher Schrift über Kants Religionsphilosophie überhaupt nicht 
berücksichtigt, weil sein Inhalt „nicht eine rein philosophische Bearbeitung des 
Religionsbegriffes, sondern nur eine Deutung der positiv-christlichen Religion 
bezwecke, eine Philosophie des Christentums" darstelle. 
Dabei ist gerade in Kants grundlegenden Werken, seinen Kritiken, eine 
ungleich größere Menge des religions philosophischen Stoffes angehäuft, als bei 
allen seinen Vorgängern, wie Thilo betont, und zwar „in ungleich genauerer 
und tieferer Bearbeitung. Alle seine Hauptwerke sind im Grunde nur ein 
Unterbau für die Religionsphilosophie; denn ihre letzte Tendenz geht darauf 
hinaus, Klarheit und Bestimmtheit des Bewußtseins über die höchsten Fragen 
des menschlichen Geistes zu erringen; wie er es auch selbst ausspricht, daß die 
Fragen über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit die eigentlichen Zielpunkte der 
Metaphysik seien. Wenn man daher die Gründlichkeit und Tiefe in der Anlage 
dieser Werke kennt, mit welchem dieser große Denker die ganze Kraft und Fülle 
seines Geistes jenen höchsten Gegenständen widmete, und sieht ihn hoch über 
so vielen stehen, welche zwar sehr geneigt sind, über die Dürftigkeit seiner reli 
giösen Ansichten mitleidig die Achseln zu zucken, die aber ihrerseits, gegen ihn 
gehalten, nicht einmal eine nennenswerte Denkarbeit an jene Gegenstände ge 
wandt haben, sondern nur mit einem meistens sehr wohlfeil zusammengerafften 
und schlecht geprüften Reichtum sich brüsten." 
Aufrichtigkeit, ernsteste Gewissenhaftigkeit, waren die Triebfedern seiner 
gesamten scharfsinnigen, revolutionierenden Denkarbeit. Er bekannte sich, wie wir 
sehen, aufrichtig als Rationalist, aber nicht im Sinne einer dünkelhaften 
Anmaßung, die alle „Welträtsel" erklären zu können meint und über alle Offen 
barung abspricht. Vielmehr spricht er's ausdrücklich aus: „Der Rationalist 
muß sich vermöge dieses seines Titels von selbst schon innerhalb der Schranken 
der menschlichen Einsicht halten, daher wird er nie als Naturalist absprechen und 
weder die innere Möglichkeit einer Offenbarung überhaupt noch die Notwendigkeit 
einer Offenbarung als eines göttlichen Mittels zur Introduktion der wahren 
Religion bestreiten, denn hierüber kann kein Mensch durch Vernunft etwas 
ausmachen." 
Das eben ist Kants unsterbliches Verdienst für den Fortschritt der religiösen 
Erkenntnis, daß er die Ansprüche der menschlichen Vernunft, das Geoffenbarte, 
vor allem das Dasein Gottes beweisen zu wollen, als Überschreitung ihrer 
Schranken bekämpft und als irrig für alle Zeiten unwiderleglich nachwies. 
Damit hat er uns den nicht genug zu schätzenden Dienst getan, daß er die 
Religion aus ihrer intellektualistischen Sphäre heraushob, daß er endgültig fest 
gestellt hat, wieso und warum Religion nicht mit Gegenständen des Wissens, 
sondern des Glaubens zu tun hat. Er hat unsern evangelischen Glauben 
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