Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

162 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
neu fundamentiert, indem er ihn wissenschaftlich unanfechtbar vom Wissen schied 
und für eine praktische Betätigung des menschlichen Geistes erklärte. In diesem 
Sinne ist gerade sein berühmtestes und wissenschaftlichstes Werk, die Kritik der 
reinen Vernunft, von ganz ungemeiner religiöser Bedeutung, indem es die 
Grenzen der Vernunft untersucht und sie in die ihr gebührenden Schranken weist. 
Demnach ist es „das größte Verdienst Kants" sagt Lülmann, „daß er das 
Christentum nicht als wissenschaftliche, sondern als religiöse Weltanschauung auf- 
fassen lehrte. Er hat dadurch der christlichen Dogmatik und der christlichen 
Apologetik für alle Zeiten den rechten Standort und Ausgangspunkt angewiesen. 
Die Aufgabe, die Leibniz vorschwebte, die er aber zu lösen nicht im stände 
war, hat Kant in der Tiefe erfaßt und im Prinzip gelöst: Versöhnung zwischen 
Glauben und Wissen im Christentum." 
Kants Kritik leistet noch mehr; bei all ihrem kritisch schonungslosen Vor 
gehen gegen einen durch das Alter von Jahrhunderten ehrwürdig gewordenen 
Beweis des Christentums schafft er positiv eine ganz neue Grundlage für den 
Beweis seiner Wahrheit, den praktischen anstatt des theoretischen. „Jene 
erhabenen Objekte zu begreifen", sagt Goldschmidt in seinem feinen Kant- 
Gedenkblatt, „verlangt der Aberwitz, der sich selbst bestimmende Wille fordert sie 
nur nach seiner Idee. Konsequentes Denken führt zu Postulaten des 
Glaubens, es verlangt als Endziel das höchste Gut, das nur unter Voraus 
setzung Gottes und einer künftigen Welt denkbar ist. Hier sind Gründe, die 
zwar an das Objekt nicht heranreichen, aber dem vernünftigen, vertrauenden 
Glauben Genüge leisten, und auf praktischem Gebiet allein ist es möglich, den 
Begriff Gottes zu bestimmen." Daran, daß der Mensch sich als ein wollendes 
und sollendes Wesen begreift, erkennt er seine höhere Bestimmung, die ihn über 
seine Erfahrung als Weltwesen hinaushebt. In seinem Gewissen wird ihm 
die Überzeugung von dem Dasein Gottes gewiß. — Professor Kaftan zeigt in 
seiner geistreichen Gedächtnisrede auf Kant diesen Gedankengang sehr anschaulich, 
indem er den „Philosophen des Protestantismus" mit den beiden andern führen 
den Geistesheroen, mit Aristoteles, dem Philosophen der römischen Kirche, und 
Plato, dem Philosophen der morgenländischen Kirche, vergleicht. Aristoteles will 
mit den Füßen auf der Erde stehend auf Grund der Erfahrung zum Ziel 
und Ende des Erkennens, zu Gott gelangen; Plato will dazu die dem Geiste 
eingeborenen Flügel gebraucht wissen. Beide kommen nicht zum Ziele. „Kant 
heißt uns auf der Erde festen Fuß fassen und zum Vorwärtskommen auf ihr 
hübsch die Füße gebrauchen, durch nichts uns beirren lassen, was uns davon 
abbringen, was uns einreden will, wir könnten irgendwie der geduldigen Arbeit 
entraten. Nur sollen wir uns bewußt werden, daß wir mit dem Wandern 
über die Erde niemals die Sonne erreichen. Wir sollen darauf acht geben, wo 
sich die Flügel der Seele regen, die uns wirklich emportragen. Das geschieht
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.