Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Immanuel Kants Religion. 
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im sittlichen Werden. Am kategorischen Imperativ, am Sittengesetz in uns, 
dem wir gehorchen sollen, geht uns die Majestät Gottes auf. Oder noch 
anders ausgedrückt: Das Werden der Persönlichkeit in uns ist der Zusammen 
hang, in dem wir die Erkenntnis Gottes gewinnen, — im Bilde gesprochen: 
indem uns die Flügel wachsen, die uns zur Sonne tragen, zum Ziele der 
Sehnsucht unsrer Erkenntnis wie unsres Willens." „Wenn wir diesen Weg 
betreten, werden wir weder an der Erde haften bleiben, noch mit vergeblichen 
Flügelschlägen über sie hinaus streben. Wir werden Leuten gleichen, die zwar 
auf der Erde wohnen, aber wissen, daß der Himmel sich über ihnen wölbt und 
sie dieses Himmels innerlich gewiß werden können." 
Genug, unsere Religion ist nicht Wissens-, sondern G ewisse ns fache, 
und es gibt keinen anderen Weg zur Erkenntnis Gottes, als den praktischen, 
ethischen, den Jesus vorzeichnet Joh. 7, 17: „So jemand will des Willen tun, 
der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selber 
rede". Daß dieser alte und echte Beweis des Christentums wieder neu zu Ehren 
gebracht und wissenschaftlich festgelegt ist, das haben wir Kant zu danken. 
Profesior Herrmann erblickt in Kants „Trennung der theoretischen Erkenntnis 
von der sittlich bedingten Überzeugung gerade den Freibrief für die aus den 
Fesseln philosophischer Weltanschauung erlöste Theologie." 
Kants sittlich-religiöse Persönlichkeit — und damit kehren wir zu unsrem 
Anfang zurück — ist aus dem Pietismus hervorgegangen. Vom Pietismus 
zum Moralismus der Aufklärung war nur ein Schritt; der Übergang ist nicht 
nur bei Kant aufzuweisen. Wie sehr Kant den seichten Rationalismus der Auf 
klärung verinnerlicht und vertieft hat, eben auf Grund seiner ernsteren Erfassung 
der sittlichen Tatsachen und Probleme, haben wir gesehen. *) Wir haben daneben 
auch seine Schranken gesehen, seine Verständnislosigkeit für die Geschichte, die 
geschichtliche Grundlage des Christentums. Darin zahlte er seiner Zeit den 
3 Vorländer berichtet darüber: Die Vertreter der vulgären Aufklärung, deren 
Haupttypus der bekannte Nicolai darstellt, hatten vorher schon Anlaß genug zum 
Grimm auf den Philosophen gehabt, der ihnen anfangs einer der Ihrigen schien. 
Seine Kritik der reinen Vernunft hatte ihre schönen Beweise für das Dasein Gottes 
zerstört, seine praktische Vernunftskritik ihre eudämonistische und utilitaristische Ethik 
siegreich überwunden, seine Kritik der Urteilskraft ihren flachen Kunsttheorien ein Ende 
bereitet. Jetzt waren sie von neuem unzufrieden, daß der kritische Philosoph nicht 
gleich ihnen mit alledem in Christentum und Bibel aufgeräumt hatte, was über die 
Richtschnur ihres „gemeinen Menschenverstandes" ging. So schrieb die Neue Allge 
meine Deutsche Bibliothek in einer Besprechung der zweiten Auflage der Religion 
innerhalb etc.: „Es muß also nach Kants Meinung in Sachen des Kirchenglaubens 
alles recht hübsch beim alten bleiben, und die Stützen des religiösen Aberglaubens 
können nicht abgeschafft, sondern müssen als die unentbehrlichen Fundamente einer 
moralischen Religion immer beibehalten werden." 
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