Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die Vorschulfrage in Gelsenkirchen. 
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Staatsmännern die deutsche Volksschule als eine Einrichtung betrachtet, die mit 
größter Sorgfalt und unter Aufwendung ausreichender Mittel gepflegt werden 
müsse im Interesse einer gesunden Entwickelung unseres wirtschaftlichen Lebens. 
Was Staat und Gemeinde an der Volksschule versäumen, das müssen sie an 
Armenlasten, Strafanstalten und Sonderprämien wohl doppelt und mehr zulegen. 
Es war bei den maßgebenden Persönlichkeiten nämlich nicht immer das gleiche 
Streben vorhanden, die Volksschule zu fördern; man hat sie gar oft betrachtet 
und behandelt als ein notwendiges Übel, mit dem man rechnen muß bei der 
Kompliziertheit unserer Lebensverhältnisse, für welches man aber für keinen Pfennig 
mehr aufwendet, als unbedingt erforderlich ist. In solchen Tagen hoffen wir 
Lehrer auf bessere Zeiten, denn wir sind davon überzeugt, daß eine so gute und 
nützliche Einrichtung wie die Volksschule, der 95°/o aller Bürger ihre Bildung 
verdanken, in der Zukunft trotz aller Hemmnisse die unbeschränkte Anerkennung 
und Fürsorge finden wird, die sie verdient. Aus dieser Überzeugung heraus 
erwächst uns auch die Pflicht, nach Möglichkeit alles zu verhindern, was dem 
Ansehen und Wirken der Volksschule schadet. Es bleibt die Pflicht übrig, alle 
Hemmnisse, die einer richtigen Entwicklung der deutschen Volksschule entgegen 
stehen, nach Möglichkeit zu beseitigen. Zu diesen Hindernissen gehört auch die 
Einrichtung von Vorschulen. 
Der Unterricht in den höheren Schulen fordert körperlich und geistig hoch 
entwickelte Schüler. Nicht jedes Kind ist für diesen Unterricht geeignet. Auf 
anderer Seite sagen wir, daß die Volksschule die beste Vorbildung für solche 
Schüler bietet, die geeignet sind, den Unterricht der höheren Schulen mit Erfolg 
zu benutzen. Es kommen hier die drei unteren Jahrgänge in Betracht. Ver 
gleichen wir den Lehrplan der unteren 3 Jahrgänge, so sehen wir, daß der 
Unterricht in den Vorschulen keine Rücksicht nimmt auf die Natur des Kindes. 
Gleich im ersten Jahrgang wird eine solche Stoffmenge behandelt, wie sie von 
wenigen Kindern mit wirklichem Erfolg geleistet werden kann. Wenn wir ins 
besondere den Deutsch-Unterricht betrachten, so sehen wir, daß hier nicht nur der 
Stoff verlangt wird, wie in der Volksschule derjenige der 1. Fibel, sondern noch 
im ersten Jahre wird auch der Stoff der 2. Fibel erledigt. Einem solchen 
Unterricht können nur die begabtesten Kinder folgen. Es ist als eine hergebrachte 
Sitte anzusehen, daß diese Kinder noch durch Nachhülfestunden unterrichtet werden. 
Es bereitet den Eltern manche Sorgen und Geldausgaben, damit ihre Kinder 
mit den Besten gleichen Schritt halten können. Im Rechnen steht es noch 
schlimmer. Wir alle wissen, welche Mühe es macht, den Kindern im ersten 
Jahre die 4 Spezies beizubringen. Der Unterricht in der Vorschule greift weiter 
und nimmt außer den vier Grundrechnungsarten noch die Zahlenreihe von 1 bis 
100 in sich aus. Wir wissen alle, daß es leicht ist, den Kindern das Einmaleins 
beizubringen. Aber es ist schwer, und es fordert eine große nicht abzuschätzende 
Mühe, den Kindern diesen Stoff so beizubringen, daß sie ihn auch für die fol 
genden Jahre behalten. Es kommt vor, daß die Kinder im zweiten Schuljahre 
das Einmaleins können, aber im 3. und 4. Jahrgange sind sie unsicher geworden. 
Anders ist es in den Vorschulen auch nicht. Im 3. Jahre arbeitet die Vorschule 
schon weiter mit vielstelligen Zahlen, während das Kopfrechnen vernachlässigt 
wird. Einen praktischen Zweck für die folgenden Jahre der höheren Schulen, 
Sexta, Quinta, Quarta, hat diese Übung nicht, denn dort kommt eine solche 
Behandlung vielstelliger Zahlen gar nicht mehr in dem Maße vor. Es wird eben
	        

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