Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
nicht die Einsicht erzielt im Unterricht, sondern nur mechanische Fertigkeit. Selbst 
verständlich nur die besten Kinder gelangen auch zur rechten Einsicht, ein gut Teil 
fällt immer ab. In der Religion hat es die Vorschule etwas besser. Es werden 
nur zwei oder drei Stunden gegeben. Aber das Nacherzählen von biblischen 
Geschichten wird nicht so betrieben, wie es bei uns der Fall ist. Im allgemeinen 
wird jeder, der diesen Lehrplan der Vorschule und die drei ersten in der Volks 
schule richtig beurteilt, zu der Erkenntnis kommen, daß der Unterricht in der 
Volksschule langsamer, naturgemäßer und gründlicher verfährt. Die Kinder 
werden länger aufgehalten bei den Grundanschauungen, die für das weitere 
Denken, für den weiteren Unterricht in Betracht kommen. 
Es wäre auch noch ein Wort zu sagen über die Schülerzahl. Wir haben 
hier in Gelsenkirchen 45 bis 60 oder auch, wie es nur selten vorkommt, 70 
Schüler in einer Klasse. Wir müssen nun bedenken, daß wir hier in einer 
Stadt sind, die erst in der Entwicklung begriffen ist, und wir sind hier nicht 
auf Rosen gebettet. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, daß es in manchen 
Punkten besser wird. Trotz der ungünstigen Verhältnisse liegt die Sache doch 
nicht so, daß man frischweg behaupten kann, wie die Petition es tut, daß unsere 
Volksschulkinder nicht so für die höheren Schulen vorbereitet werden, wie es der 
Fall sein muß. Die Erfahrung beweist, daß es auch fernerhin ohne Vorschule 
geht. Diejenigen Eltern, die ihre Kinder bisher zur Volksschule geschickt haben 
und sie nun die höhere Schule besuchen lasten wollen, können vorher Rücksprache 
mit dem Lehrer des Kindes nehmen. Und der Lehrer wird dann alles tun, was 
erforderlich ist, um ein Kind vom 3. Schuljahr ab nach der höheren Schule zu 
entlassen. Wenn ein Kind vier Jahre die Volksschule besucht hat, dann ist es 
vielmehr geeignet, dem Unterricht einer höheren Lehranstalt zu folgen. Es wird 
dann, wenn die Eltern vernünftig sind, Rücksprache mit dem Lehrer genommen. 
Der Lehrer wird dann sagen, wie die Natur des Kindes beschaffen ist. Und 
wenn er mit gutem Gewissen sagen kann, die Eltern möchten ihr Kind der 
höheren Schule übergeben, dann ist die Gefahr des Sitzenbleibens sehr gering, 
während die Gefahr bei Vorschülern immerfort vorhanden ist. Die Vorschule 
nimmt im ersten Jahre 30 Schüler auf. Wieviel sind noch da, wenn die Kinder 
aus der Prima entlassen werden? Nicht mehr der vierte Teil! Die anderen sind 
auf den Zwischenklassen hängen geblieben, haben keine abgeschlossene Bildung 
empfangen, und sie sind dann oft noch von dem Dünkel behaftet, sie hätten eine 
höhere Schulbildung genossen und glauben nun, höher zu stehen, als die Bürger, 
die nur die Volksschule besucht haben. Für den Besuch der Volksschule spricht 
fernerhin der Umstand, daß, wenn ein Kind nur die Volksschule besucht, Eltern 
und Lehrer mehr Zeit haben, die Begabung des Kindes zu beobachten. Wenn 
sich dann herausstellt, daß das Kind nicht geeignet ist, den Unterricht einer- 
höheren Schule zu besuchen, dann kann es der Vater ruhig auf der Volksschule 
lassen, dann hat er nicht das beschämende Gefühl, wie auf der anderen Seite, 
wenn die Kinder von Klasse zu Klasse sitzen bleiben, bis sie endlich das Zeugnis 
für den einjährig-freiwilligen Dienst erhalten. Für die Kinder ist dann der 
Besuch der Volksschule in jeder Hinsicht vorteilhafter. 
Nun könnte man gegen die Volksschule Einwände vom Standpunkte der 
besser situierten Bürger erheben, ihre Kinder wären in der Volksschule sittlichen 
und gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Das Wort „Gefahren" muß man 
nicht in seiner vollsten Bedeutung gebrauchen, sondern man versteht darunter
	        

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