Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die Norschnlfrage in Gelsenkirchen. 
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mancherlei, was dem Lehrer und den Eltern nicht gefällt. Das guterzogene 
Kind kann in der Volksschule mancherlei Gewohnheiten annehmen, die den Eltern 
mißfallen. Aber ist eine solche Furcht, eine solche Meinung von der Volksschule 
wirklich berechtigt? In der Volksschule werden die Kinder so streng beaufsichtigt, 
wie es nur in den höheren Schulen der Fall sein kann. Wo viele Kinder 
zusammenkommen, ist die Möglichkeit vorhanden, daß etliche Kinder gefährdet 
werden. In dieser Beziehung haben die höheren Schulen vor der Vorschule 
keinen Vorzug. Auch die Kinder mit den bunten Mützen betragen sich nicht 
immer so, wie es dem Herrn wohlgefällt. Jugend hat keine Tugend, die Kinder 
armer Leute sind von Hause aus nicht schlechter gesinnt und schlechter veranlagt 
als die Kinder reicher Leute. In dieser Beziehung sind die Befürchtungen 
grundlos. Man kann sogar im Gegenteil sagen, dem Sohne eines Kommerzienrats 
schadet es gar nicht, wenn er auf der Volksschule mit Kindern von Bergleuten 
und Handwerkern zusammenkommt, da lernt er das Leben von einer anderen 
Seite kennen, da wird er gerüttelt und rüttelt wieder. Er bekommt eine Ahnung, 
wie es in den unteren Schichten zugeht, und das wird ihm für später sehr 
dienlich sein. In dieser Beziehung ist es von großem Vorteil, wenn Kinder 
höherer Stände nicht nur unter ihresgleichen aufwachsen, sondern auch mit andern 
Kindern zusammenkommen. Dadurch bleibt dem kindlichen Gemüt die fröhliche 
Unbefangenheit für längere Zeit erhalten. Besseres können wir dem Kinde nicht 
wünschen, als daß es möglichst lange jung und unbefangen bleibt. Dagegen ist 
der Vorschüler sehr leicht in der Gefahr, daß er von dem volksverderblichen 
Standesdünkel befallen wird, und wenn er sich nur unter Kindern seinesgleichen 
sieht, zu der Meinung kommt, sie wären tatsächlich bessere Menschen. Wer lange 
Zeit im Jndustriebezirk gelebt hat, der weiß, daß die Kiuder unserer Arbeiter 
heute in viel besserer Kleidung zur Schule kommen, als vor 20 Jahren. Wenn 
ich meine Kinder übersehe, so sind es fast nur Kinder von Bergleuten; aber sie sind 
fast durchweg so nett gekleidet, daß ich mich oft im stillen wundere. Wenn ich 
durch meinen Schulbezirk spazieren gehe oder Hausbesuche mache, finde ich die 
Kinder wieder in anderer Kleidung. Sie haben die besseren Kleider nur an, 
wenn sie die Schule besuchen. Wir sehen, daß sich auch der gemeine Mann nach 
Möglichkeit anstrengt, daß seine Kinder ein solches Aussehen gewinnen, daß sie 
jedem Freude bereiten. Ein solches Streben der geringen Klasse muß man an 
erkennen. Da wäre es durchaus mißgetan, wenn man nun Kinder höherer 
Bürger von Arbeiterkindern von vornherein trennen wollte. Daß später eine 
Trennung eintreten muß, ist selbstverständlich. 
Gegen die Vorschule spricht auch noch ein anderer Grund, der gerade die Volks 
schule berührt. Wenn die Kinder besser gestellter Bürger schon von Jugend auf 
von den andern Kindern getrennt werden, dann wird dadurch die Volksschule zu 
einer Armenschule herabgedrückt. Was das heißen will, lehrt uns die Zeit vor 
50 Jahren. Es verlieren unsere Kinder dadurch ein notwendiges geistiges Zu 
sammengehen. Wenn der Bürger von Jugend auf geschieden ist, dann treten 
zwei gesonderte Klassen von Staatsbürgern hervor. Die einen wissen, wir sind 
die Herren, die andern sagen, mir sind die Dienenden. Sie stehen sich dann 
feindlich gegenüber. Ich bin fest davon überzeugt, daß die politischen Gegensätze 
im Volksleben auch darin ihren Grund haben, daß die meisten Klassen unseres 
Volkslebens den notwendigen nationalen Zusammenhang verloren haben. Wir 
haben ein gemeinsames Volkstum, gemeinsame Volksgüter, für die wir einzustehen
	        

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