Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die Vorschulfrcige in Gelsenkircheck. 
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Wenn man nun die Gesuche durchgeht, die um Einrichtung von Vorschulen 
erlassen worden sind, so findet man nirgend eine hinreichende gesunde Begrün 
dung. In der Petition, die an unsere Stadtbehörde ergangen ist, wird darauf 
hingewiesen, daß durch die Vorschulen die Kinder ein Jahr früher zu ihrem 
Ziele gelangen. Es wird gesagt, das Durchschnittsalter der Schüler an den 
höheren Lehranstalten mit Vorschulen ist durchweg ein Jahr niedriger, als an 
solchen ohne Vorschulen. In Wirklichkeit beträgt der Unterschied noch kein halbes 
Jahr. Aber diese Statistik hat vergessen zu sagen, wie viele Schüler durch 
Sitzenbleiben in den verschiedenen Klassen nicht zu ihrem Ziele gelangen. Für 
den bemittelten Mann kommt es nicht in Betracht, ob seine Kinder ein Jahr 
eher oder später aus der Schule kommen. Die Hauptsache ist ja, daß die Kinder 
gesund bleiben und daß der Jüngling die Arbeit, die ihm aufgetragen wird, zu 
rechter Zufriedenheit erfüllt, oder daß er bei weiterem Studium auf der Uni 
versität seine Zeit nicht verbummelt, sondern zur rechten Zeit seine Examina 
macht. Auf das alles geht die Petition nicht ein. Die Petition spricht auch 
davon, daß preußische Minister im letzten Jahrzehnt sich lobend und anerkennend 
über die Vorschulen ausgesprochen haben. Es liegt mir ferne, die Arbeit in 
den Vorschulen gering zu schätzen; jeder Lehrer, der in Vorschulen arbeitet, tut 
seine Pflicht gerade so gut wie die Lehrer an den Volksschulen. 
Nach einer Besprechung, die keine neue Gesichtspunkte vorbrachte, wurden 
folgende von Herrn Honke aufgestellten Leitsätze einstimmig angenommen: 
1. Unsere städtischen Volksschulen sind so eingerichtet, daß in ihnen die 
geeigneten Kinder ihre beste Vorbereitung für den erfolgreichen Besuch der höheren 
Schulen erhalten, denn a) der Unterricht in den Anfangsgründen ist gründlicher 
als in der Vorschule; b) Eltern und Lehrer haben Zeit, die Begabung der 
Kinder zu prüfen und sich danach zu entscheiden; c) nach vierjährigem Besuch 
der Volksschule ist die Gefahr des Sitzenbleibens geringer als nach dreijährigem 
Besuch der Vorschule. 
2. Die Möglichkeit, daß ein Kind in sittlicher oder gesundheitlicher Bezie 
hung gefährdet sein kann, ist mit dem Besuch jeder öffentlichen oder privaten 
Schule verbunden: darin hat die Vorschule keinen Vorzug. Viel näher aber liegt 
die Möglichkeit, daß sich schon in den Herzen der Vorschüler der volksverderbliche 
Standesdünkel einnistet und dadurch die soziale Kluft zwischen Reich und Arm 
noch mehr erweitert wird. 
3. Werden schon in den ersten Schuljahren die Kinder der höher gestellten 
und besser bemittelten Bürger von den andern Kindern abgesondert, dann wird 
die Volksschule zu einer Armenschule herabgedrückt. Der Gedanke eines gemein 
samen Volkstums und gemeinsamer Volksgüter wird dadurch geschädigt. 
4. Durch die Einrichtung einer Vorschule verlieren die höheren Stände ganz 
und gar das Interesse an der weiteren Ausgestaltung und Verbesserung unserer 
Volksschule, der allerwichtigsten Bildungsanstalt. 
5. Die Vorschule trägt dazu bei, ein Bildungsproletariat heranzuzüchten, 
welches für geistige Arbeit leistungsunfähig ist und sich für körperliche Arbeit zu 
gut hält. 
6. Die von Herrn Professor Dr. Kannengießer im Verein mit andern 
Bürgern eingereichte Petition um Errichtung einer Vorschule enthält nicht nur 
große Irrtümer, sondern verschweigt auch, daß die Minister Goßler und Boffe
	        

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