Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

172 H Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
sich wiederholt dahin ausgesprochen, daß der natürliche Weg zur höheren Schule 
durch die Volksschule geht. 
Beschluß: Die Lehrerschaft beider Konfessionen gibt nach ernster Prüfung 
dieser Frage die Erklärung ab, daß die Einrichtung einer Vorschule in unsrer 
Stadt überflüssig und schädlich ist. 
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Die Uot der evangelischen Volksschule in 
Ostreich. 
(Auch ein Beitrag zur Frage „Simultanschule oder konfessionelle Schule?"). 
Vor kurzem hielt Pfarrer Jaquemar von der evang. Gemeinde in Laibach 
auf einer Besuchsreise durch Rheinland und Westfalen in einer von Lehrern und 
Lehrerinnen besuchten Versammlung in Barmen einen interessanten Vortrag über 
obiges Thema, aus dem wir nachstehend einige wichtige Ausführungen wieder 
geben wollen, da sie auch dem blödesten Auge zeigen, was in einer Simultan 
schule den evangelischen Schülern zugemutet wird, wenn der katholische Einfluß 
der stärkere ist. 
Die evangelische Bewegung in Östreich ergreift in aller Stille immer weitere 
Kreise; das ganze geistige Fluidum des Volkslebens wird ein anderes, man 
erinnert sich, daß die Vorfahren Glieder des Protestantismus waren. Eine heiße 
Sehnsucht nach Befreiung von der Knechtschaft Roms durchzieht Hohe und 
Niedrige, und das merkt Rom. Eine solche Bewegung ist ihm unbequemer als 
der Ansturm des Unglaubens, wie er sich z. Z. in Frankreich abspielt, den kann 
es ertragen, denn der Kampf flaut allmählich ab: Roms Macht bleibt. Zur 
Zeit Josephs II. ging man in Östreich ebenfalls gegen den Klerikalismus vor, 
hob Klöster auf und trieb Mönche aus, heute wimmelt es davon im Lande, 
und der Einfluß Noms ist mächtiger denn je. Vor der Los von Rom-Bewegung 
aber bangt man, sie geht tiefer, erfüllt die Herzen und Gewissen mit lebendiger, 
innerer Glaubensüberzeugung und Kraft. Und nun handelt es sich nicht bloß 
um die etwa 50000 Erwachsenen, die bereits gewonnen sind, sondern um die 
große Kinderschar, die nur vor dem 7. Jahre einer anderen Konfession zugeführt 
werden darf, aber nicht zwischen dem 7. —14. Lebensjahre; für sie sind evan 
gelische Schulen ein unabweisbares Bedürfnis. — Vor dem Jahre 1869 hatte 
Östreich ein konfessionelles Volksschulwesen oder besser gesagt „die Konkordats 
schule", worin Lehrer und Schüler den Bischöfen auf Gnade und Ungnade aus 
geliefert waren. Jedes freiheitlich gesinnte Herz seufzte unter dem harten Ge 
wissenszwang, der dabei ausgeübt wurde, und großer Jubel ging darum durchs 
Land, als 1869 die liberale Regierung im Bunde mit einer liberalen Volks 
vertretung die interkonfessionelle oder simultane Schule einführte. Der Staat 
sollte die oberste Herrschaft in der Schule haben, Lehrer und Schüler sollten ^-sich 
in erster Linie als Östreicher fühlen. Rom aber grollte; der Papst Pius IX. 
verfluchte in einem Breve das neue Reichsschulgesetz, und bald gelang es den 
klerikalen Kreisen, einen Trutzbund in Gestalt des katholischen „Schulvereins" 
(sein Protektor ist z. Z. der Thronfolger!) zu begründen, der einen heftigen 
Kampf um Änderung des Gesetzes in die Wege leitete und darin getreulich von
	        

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