Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Sittlichen in Widerstreit. So entzückend, so liebenswert der „schöne Charakter" 
ist, der aus einer glücklichen Anlage heraus instinktiv das Gute übt, so kann er 
doch erst durch den Gegensatz den Verdacht widerlegen, daß er nur sein eigenes 
Glück im Gutestun suche, daß seine Güte mehr ästhetisch als ethisch begründet 
sei und er mit aller seiner Vortrefflichkeit doch an der Sinnenwelt haften bleibe. 
Findet er in der Ausübung der Gerechtigkeit, Woltätigkeit, Mäßigkeit, Treue 
seine Wollust, so kann er die reine Sittlichkeit dieser Tugenden erst im Unglück 
bewähren. Findet man den Unglücklichen „noch ganz als den nämlichen, hat 
die Armut seine Woltätigkeitt, der Undank seine Dienstfertigkeit, der Schmerz 
seine Gleichmütigkeit, eigenes Unglück seine Teilnehmung an fremdem Glücke nicht 
vermindert, bemerkt man die Verwandlung seiner Umstände in seiner Gestalt, 
aber nicht in seinem Betragen, in der Materie, aber nicht in der Form 
seines Handelns — dann freilich reicht man mit keiner Erklärung aus dem 
Naturbegriff mehr aus. Dann muß man den Grund solches Betragens 
„aus der physischen Weltordnung heraus in eine ganz andere verlegen, 
welche die Vernunft zwar mit ihren Ideen erfliegen, der Verstand aber mit seinen 
Begriffen nicht erfassen kann. Diese Entdeckung des absolut moralischen Ver 
mögens, welches an keine Naturbedingung gebunden ist, gibt dem wehmütigen 
Gefühl, wovon wir beim Anblick eines solchen Menschen ergriffen werden, den 
ganz eigenen, unaussprechlichen Reiz, den keine Lust der Sinne, wie veredelt sie 
auch seien, dem Erhabenen streitig machen kann." 
So hält der schönheitsdurstige Künstler aufs strengste an der von Kant vor 
gezeichneten Richtlinie fest, daß in der ganzen Welt nichts wirklich gut genannt 
werden kann als allein ein guter Wille, und läßt sich diese Linie durch keine 
Einreden seines Harmonie- und Schönheitsideals verrücken. Vielmehr soll das 
ästhetische Empfinden gerade an dem Reiz des Widerstreits von Wohlsein und 
Wohlverhalten sich nähren und so zu dem Gefühl des Erhabenen ver 
tiefen. Auf diese Weise bleiben die Grenzen von Ästhetik und Ethik unverworren, 
aber das ästhetische Gefühl wird zu einem Hebel für die Anregung des ethischen 
Bewußtseins. So wird, richtig verstanden, auch das zu unserer vollen Natur 
untrennbar gehörende Schönheitsbedürfnis nicht zu kurz kommen. Sie gehören 
zusammen, die beiden „Genien", die uns die Natur zur Begleiterin durchs Leben 
gab, das Gefühl des Schönen und das des Erhabenen. Beide sollen das 
Freiheitsbewußtsein entwickeln. Schönheit ist „Freiheit in der Erschei 
nung," es gilt in der sittlichen Welt nicht minder wie in der natürlichen: 
„Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die sinnlichen Triebe mit dem 
Gesetz der Vernunft harmonieren, aber diese Freiheit erhebt uns noch nicht über 
die Macht der Natur, sondern wir genießen sie innerhalb der Natur. Dagegen 
fühlen wir uns frei beim Erhabenen, weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetz 
gebung der Vernunft keinen Einfluß haben, weil der Geist hier handelt, als ob
	        

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