Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Humanität, ist bloß eine Idee, welcher gerecht zu werden, er mit anhaltender 
Wachsamkeit streben, aber die er bei aller Anstrengung nie ganz erreichen kann." 
Es gilt also eine unablässige Übung seiner sittlichen Kraft, seines Willens. 
Und es ist kein geringer Schritt zur moralischen Freiheit des Willens, durch 
Brechung der Naturnotwendigkeit in sich, auch in gleichgültigen Dingen, den 
bloßen Willen zu üben. Denn „schon der bloße Wille erhebt den Menschen 
über die Tierheit, der moralische erhebt ihn zur Gottheit." Sache der Er 
ziehung ist es nun, die sittliche Würde im Menschen durch die Unterordnung 
des Sinnlichen unter das Sittliche zu entwickeln und zwar so, daß schließlich die 
Anmut zur Begleiterin der Würde wird. Oder anders ausgedrückt, in der 
vollendeten Menschheit soll das Schöne und das Erhabene sich miteinander paaren: 
„Das Erhabene verschafft uns einen Ausgang aus der sinn 
lichen Welt, worin uns das Schöne gern immer gefangen halten 
möchte." „Ohne das Erhabene würde uns die Schönheit unsre höhere Würde 
vergessen machen. In der Erschlaffung eines ununterbrochenen Genusses würden 
wir die Rüstigkeit des Charakters einbüßen und an diese gefällige Form des 
Daseins unauflösbar gefesselt, unsre unveränderliche Bestimmung und unser 
wahres Vaterland aus den Augen verlieren." Also gehört das Erhabene 
zum Schönen, wie auch umgekehrt wahres Menschentum nicht ohne Schönheit 
vorzustellen ist. „Nur wenn das Erhabene mit dem Schönen sich paart, und 
unsre Empfänglichkeit für beides im gleichen Maße ausgebildet worden ist, sind 
wir vollendete Bürger der Natur, ohne deswegen ihre Sklaven zu sein und ohne 
unser Bürgerrecht in der intelligibeln Welt zu verscherzen." 
Das war die Humanität, die Schiller predigte; eine Humanität, die nie 
und nirgends als fertiger Besitz oder glückliche Anlage vorhanden ist, sondern 
im heißen Lebenskampf erworben werden soll. Zum reinen vollen Menschentum 
gehört gewiß auch die gesunde Sinnlichkeit, das Natürliche, das war für einen 
künstlerisch empfindenden Denker selbstverständlich; aber nur dann kommt diese 
Sinnlichkeit zu ihrer reinen Ausbildung und ihrem vollen Rechte, wenn sie durch 
das Übersinnliche im Menschen erhoben und veredelt wird. Die Menschheit 
wird nur dadurch dem Ziele der Humanität entgegengeführt, daß ihr immer ein- 
drücklicher wird, wie sie als Bürgerin zweier Welten ihre Gaben und Aufgaben 
hat, und erst dann ist der Mensch vollendet, wenn das Göttliche in ihm vom 
Irdischen sich losringt, wenn er — nach dem Gleichnis von Herakles Lebens 
kampf — in ewigem Gefechte des Lebens schwere Bahn ging, mit Hydern rang 
und alle Plagen, alle Erdenlasten sich auf die willigen Schultern wälzen ließ, 
bis sein Lauf geendigt ist — 
Bis der Gott, des Irdischen entkleidet, 
Flammend sich vom Menschen scheidet, 
Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.
	        

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