Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Schillers ethischer Idealismus. 
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Froh des neuen ungewohnten Schwedens 
Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens 
Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt. 
Das also ist Schillers ethischer Idealismus, wie Sell definiert: 
„die Selbstgewißheit des sittlich strebenden Geistes von seiner höheren Abkunft 
und seinem höheren Ziel." 
4. Nicht dem Einzelnen ist es vergönnt, dies hehre Ideal in sich zu ver 
wirklichen durch angestrengte sittliche Selbstzucht. Generationen haben an dieser 
Menschheitsaufgabe zu arbeiten, dafür ihr Bestes einzusetzen. Der Charakter 
der Zeit muß sich also von seiner tiefen Entwürdigung erst aufrichten, dort der 
blinden Gewalt der Natur sich entziehen, und hier zu ihrer Einfalt, Wahrheit 
und Fülle zurückkehren; eine Aufgabe für mehr als ein Jahrhundert. 
Sache der Erziehung ist es, von Geschlecht zu Geschlecht die Menschheit 
Stufe um Stufe dieser Höhe entgegenzuführen. Das ist der durchschlagende 
Grundgedanke der berühmten Briefe: Über die ästhetische Erziehung 
des Menschen. Wie man sieht, ganz etwas anderes, als was gegenwärtig 
als Kunsterziehung, als höchste Errungenschaft der neuesten Pädagogik so laut 
gepriesen wird. 
Nie und nirgends will Schiller eine einseitige Kunstpflege in der Erziehung 
empfohlen haben. Wir gingen ja davon aus, daß man als das Charakteristikum 
des Schlllerschen Gedankens die Art anzusehen habe, wie er bewußt und durchdacht 
das Schöne zum Sittlichen in Beziehung setzt. Im ästhetischen Gefühl sollen 
wir zu jener inneren Befreiung reifen, die er so ernst und eindringlich uns vor 
die Seele stellt, durch das sinnliche Mittel sollen wir von der Sinnlichkeit frei 
werden. An den Zeitidolen der derzeitigen Kultur übt Schiller ebenso wie Kant 
die denkbar schärfste Kritik. Nur daß seine sittliche Kritik auch ästhetisch mit 
bestimmt ist. Er sieht überall das Unschöne der Einseitigkeiten, der Zerstückelung, 
der Disharmonie. Er sieht „den Geist der Zeit zwischen Verkehrtheit und Rohigkeit, 
zwischen Unnatur und bloßer Natur, zwischen Superstition und moralischem Un 
glauben schwanken." Die Totalität des Menschen ist in jedem Stande, jedem 
Berufe gefährdet. Dagegen hilft alle einseitig intellektuelle oder ästhetische Bildung 
nichts. Wenn ihn in den niederen Klassen die dort herrschenden rohen gesetzlosen 
Triebe abstoßen, „die sich nach aufgelöstem Band der bürgerlichen Ordnung ent 
fesseln und mit unlenksamer Wut zu ihrer tierischen Befriedigung eilen," so geben 
andrerseits „die zivilisierten Klaffen den noch widrigeren Anblick der Schlaffheit 
und einer Depravation des Charakters, der desto mehr empört, weil die Kultur 
selbst ihre Quelle ist." „Die Aufklärung des Verstandes, deren sich die ver 
feinerten Stände nicht ganz mit Unrecht rühmen, zeigt im ganzen so wenig einen 
veredelnden Einfluß auf die Gesinnungen, daß sie vielmehr die Verderbnis durch
	        

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