Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

206 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Maximen befestigt." „Aus dem Natur-Sohne wird, wenn er ausschweift, ein 
Rasender; aus dem Zögling der Kunst ein Nichtswürdiger." 
Nicht Berstandesbildung, nicht Kunstpflege also ist es, was hier helfen und 
heilen kann. Wir muffen die Totalität in unsrer Natur, welche die Kunst zerstört 
hat, durch eine höhere Kunst wiederherstellen. Noch weniger kann der Staat, als 
solcher dazu helfen, das von der Kultur Getrennte wieder in Harmonie zu 
bringen. So sehr Schiller mit den anderen großen Geistern seiner Zeit von der 
französischen Revolution das Beste für Kultur und Sittlichkeit erhofft hatte, weil 
eine solche innere Fäulnis kaum anders als mit Gewalt ausgefegt werden 
konnte, — er mußte mit seinen Idealen dem in Frankreich aufflammenden Freiheits 
geiste zujubeln und war als Dichter der Räuber seinerseits von der französischen 
Regierung zum Bürger der freien Republik ernannt worden! — so bald hatte 
er doch erkannt, daß mit gewaltsamen Staatsumwälzungen der wahren Kultur, 
dem sittlichen Fortschritt nicht gedient sei. Das jetzige Zeitalter, sagt er nun 
resigniert, trägt noch gar nicht die notwendigen Bedingungen einer moralischen 
Staatsverbesserung in sich. „Man muß jeden Versuch einer solchen Staats 
veränderung so lange für unzeitig und jede darauf gegründete Hoffnung so lange 
für chimärisch erklären, bis die Trennung in dem inneren Menschen wieder auf 
gehoben und seine Natur vollständig genug entwickelt ist, um selbst die Künstlerin 
zu sein und in politischer Schöpfung der Vernunft ihre Realität zu verbürgen." 
Mit anderen Worten: Nicht erst die Verfassungen und Verhältniffe bessern wollen, 
um dann den Menschen zu bessern, sondern umgekehrt; der Weg zum Heil geht 
nun einmal nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen! Die 
Vernunft hat geleistet, was sie leisten kann, wenn sie das Gesetz findet und 
aufstellt; vollstrecken muß es der mutige Wille und das lebendige Gefühl. Wenn 
die Wahrheit im Streit mit Kräften den Sieg erhalten soll, so muß sie selbst 
erst zur Kraft werden. Der Charakter muß gebildet und gestählt werden, 
soll die Menschheit vorwärts kommen. Zum Weisesein gehört Kühnheit, Er- 
mannung: sapere aude! „Energie des Mutes gehört dazu, die Hindernisse 
zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens 
der Belehrung entgegensetzen." „Wo der Charakter straff wird und sich ver 
härtet, da sehen wir die Wissenschaft streng ihre Grenzen bewachen und die 
Kunst in den schweren Fesseln der Regel gehen; wo der Charakter erschlafft ist 
und sich auflöst, da wird die Wissenschaft zu gefallen und die Kunst zu ver 
gnügen streben." 
Schnelle und sichtbare Erfolge muß eine solche Charaktererziehung nicht zu 
gewinnen hoffen. „Der reine moralische Trieb ist aufs Unbedingte gerichtet, für 
ihn gibt es keine Zeit, und die Zukunft wird ihm zur Gegenwart, sobald sie 
sich aus der Gegenwart notwendig entwickeln muß. Vor einer Vernunft ohne 
Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg ist
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.