Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Aber doch wieder nur dem Anschein nach. Genau besehen, ist es ganz die 
gleiche Sache. Waren es vorher die Verwaltungskörper der bürgerlichen Ge 
meinden, welche eine unzulässige Bedrückung und Vergewaltigung ausübten, so 
ist es hier die Majorität der Familienväter, welche ganz dieselbe Bedrückung 
gegen die Minorität ausübt. Es ändert sich mithin nur das Subjekt, von 
dem Gewalt und Unrecht ausgeht. An Stelle des Staates setzte man erst die 
bürgerlichen Gemeinden, und an Stelle der bürgerlichen Gemeinden setzt man 
jetzt die Majorität der Familienväter in der Schulgemeinde. Unrecht aber 
bleibt Unrecht, von wem es auch ausgeübt werden mag. Und das 
Wort Dörpfelds: „Dazu (die Eltern zu zwingen, ihre Kinder in eine ihrer 
Gewissensüberzeugung widersprechende Schule zu schicken) hat auf Erden kein 
König und kein Parlament, keine Autorität und keine Majorität das Recht" 
bezieht sich ebensosehr auf die Majorität der Familienväter in der Schulgemeinde 
wie auf die des Parlaments oder der bürgerlichen Gemeindekollegien. Vermeiden 
läßt sich das in Rede stehende Unrecht nur dadurch, daß man denjenigen Eltern, 
die durchaus eine Simultanschule für ihre Kinder haben wollen, gestattet, sich 
zwecks Errichtung einer solchen zu einer besonderen interkonfessionellen Schul 
gemeinde zusammenzuschließen. Allein darum ist es den Freunden der Simultan 
schule nicht zu tun. . . . Würde die Gleichberechtigung in diesem Sinne ver 
langt, so ließe sich nichts dagegen sagen. Denn eine solche Schule hat natürlich 
auch das Recht des Bestehens, aber doch nur auf ihrem eigensten Gebiete, nur 
für diejenigen, die sich zu der bezeichneten Richtung oder Weltanschauung be 
kennen?) Allein man will die „Gleichberechtigung so, daß die Simultanschule 
auch für die treuen evangelischen und katholischen Christen, für die, die ihre 
Kirche wertschätzen, und denen es Gewiffenssache ist, ihre Kinder im Sinne und 
Geiste ihrer Kirche erziehen zu lasten, ebenso berechtigt d. h. zulässig sein soll 
wie die Konfessionsschule. Und das ist ein unberechtigter, um nicht zu sagen 
frevelhafter Eingriff in ein fremdes Rechtsgebiet, in das Recht aller 
Religionsgemeinschaften^) und in das Gewistensrecht aller ihrer Kirche 
treuen Glieder. Man will die völlige Vernichtung der Konfessionsschule und 
die Alleinberechtigung der Simultanschule, d. h. die Simultanisierung des ge 
samten öffentlichen Volksschulwesens. Das ist die wahre Bedeutng der an 
scheinend so bescheidenen, so toleranten und liberalen Forderung: „Gleichberechti 
gung der Simultanschule mit der Konfessionsschule." 
Zweifellos hat Zillesten darin völlig recht: Wenn derartige Anliegen, die 
den innersten Kern der Persönlichkeit, ihr wichtigstes Wertmoment betreffen, durch 
Mehrheitsbeschlüste erledigt werden, dann geht es bei der jetzigen Zerfahrenheit 
in sittlichen und religiösen Fragen fast nie ohne Gewistensbedrückung und -Ver 
gewaltigung ab; der Minderheit wird in allen Fällen keine Gewistensfreiheit 
zuteil, gleichviel, ob der Majoritätsbeschluß in dem Schulverbande, in der bürger 
lichen Gemeinde, im Staate oder in der Kirche gefaßt wird, und in allen Fällen 
ist daher eine solche Erledigung mit dem gleichen Unrecht behaftet. Auch wir 
0 Das bedeutet im Sinne Zillessens: nur für diejenigen, die außerhalb der 
staatlich anerkannten Landeskirchen stehen und die die Kosten für die Schule entweder 
lediglich selbst aufbringen, oder zu deren Kosten Staat und Gemeinde nur dann bei 
steuern dürfen, wenn die Konfessionellen hinreichend versorgt sind nach dem Urteil 
der Kirche. 
*) Von mir gesperrt. D. R.
	        

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