Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
deswillen, weil gerade dieser Punkt bei den Verhandlungen über die Schul 
verfassung gewöhnlich am allerwenigsten mit der wünschenswerten und gebührenden 
Deutlichkeit und Achtsamkeit behandelt wird. 
1. Die Rechtsgrundlage der Schulgemeinde oder der Familie. 
Alle die mancherlei Veranstaltungen und Einrichtungen des Schulwesens 
beziehen sich doch im letzten Grunde auf die Bedürfnisse der zu unterweisenden 
Ninder. Nun sind diese aber, wie jedermann weiß, keine selbständigen Objekte 
und ebenso auch kein herrenloses Gut, sondern sie sind noch unmündig und un 
selbständig und gehören, obgleich in den räumlichen Grenzen und im Herrschafts 
bereich des Staates und der Kirche lebend, doch direkt weder dem Staate, noch 
der Kirche, noch irgend einer andern Genossenschaft an, sondern einzig und allein 
den Eltern; genau so naturgemäß, wie auch die Zweige und Äste eines Baumes 
nicht irgend einer gewissen Gattung von Bäumen oder den Bäumen schlechthin 
oder dem Walde usw. gehören, sondern dem bestimmten Einzelexemplar, dem sie 
entsprossen sind und dessen Saft und Kraft sie ihr Dasein und Gedeihen ver 
danken Demgemäß haben auch lediglich die Eltern ein direktes natürliches und 
moralisches Eigentumsrecht auf die Kinder. Sie haben also innerhalb des 
Familienkreises ein eigenes Rechtsgebiet zu verwalten, wie hinsichtlich des wirt 
schaftlichen Lebens, der Leibespflege, des religiösens Lebens, so auch hinsichtlich 
der Erziehung und Bildung ihrer Kinder. Dieses naturgesetzliche und göttliche 
Rechtsverhältnis innerhalb der Familie ist auch prinzipiell in allen Staats 
verfassungen anerkannt und respektiert und zwar, was wohl gemerkt sein will, 
ohne daß hinsichtlich der Bekleidung, der Ernährung, der Leibespflege, der er 
ziehlichen Einwirkung usw. den Eltern, abgesehen von höchst vereinzelten Aus 
nahmen, durch irgend welche bindende Vorschriften bestimmte Schranken gezogen 
wären. Das Was und Wie in diesen Dingen zu bestimmen, steht eben ganz 
selbstverständlich den Eltern zu. Nur in dem Falle, daß die Eltern dieses völlig 
natürliche und moralische Verhältnis derart verletzen, daß das allgemeine Rechts 
gefühl sich mit gutem Grunde darüber empört, was aber erst unwiderleglich 
nachgewiesen werden muß, nur in dem Falle werden die Eltern auch des daraus 
hergeleiteten Rechts entkleidet; also bis dahin gilt der Familienkreis allgemein 
als ein unantastbares Heiligtum, als ein eigenes Rechtsgebiet. 
Wenn nun aber auch infolge der hochgesteigerten Anforderungen unserer 
heutigen Kulturstufe jetzt vielfach zur Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse 
über den für sich allein nicht mehr zureichenden Kreis der Familie hinausgegriffen 
werden muß und so auch zur Erzielung einer vollauf angemessenen Ausbildung 
unserer Jugend für die Lösung der gegenwärtigen vielseitigen Aufgaben durch 
Zusammenschluß der einzelnen Familien die Bildung leistungsfähigerer Korpora 
tionen und die Errichtung besonderer Anstalten, der Schulen, sich als zweck 
mäßig oder notwendig erweisen, also die Ausbildung der Kinder den Charakter 
einer mehr öffentlichen Angelegenheit annimmt, so läßt sich doch daraus nicht der 
mindeste Grund entlehnen, die auf die natürlichen Beziehungen der Eltern zu 
ihren Kindern basierten Rechtsverhältnisse als ausgeschaltet oder aufgehoben an 
zusehen. Diese bleiben vielmehr, weil ja gänzlich außerhalb des Zweckes jener 
Vereinigung stehend, uneingeschränkt in Kraft, wie solches ja auch beim privaten
	        

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