Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
im Fluge der Taten und Schicksale, die durch die Namen angedeutet werden, so 
zeigt sich, ähnlich wie im eigenen Entwicklungsgänge des Dichters: das Treibende 
ist überall der Drang nach Befreiung; sei es die Befreiung eines Volkes von 
fremdem Joche oder einer Glaubensrichtung von unterdrückenden Gesetzen oder 
eines durch innere Kraft zur Herrschaft berufenen Mannes aus der immerhin 
dienenden Stellung, in der äußere Umstände ihn festhalten. Aber die Befreiung 
gelingt nicht, oder doch nicht rein. Um den Schweizern die Unabhängigkeit 
zurückzugeben, bedarf es des Meuchelmordes; die kühne Hoffnung des Marquis 
Posa scheitert an den harten Gewalten, deren Bann er hatte durchbrechen wollen; 
Wallenstein fällt und muß vorher erkennen, daß die Macht der Tradition und 
des Besitzes, die Ehrfurcht vor dem, was heute gilt weil's gestern gegolten hat, 
stärker ist als die stärkste Menschenkraft. Es ist, als ob in dem Unmut des 
vergebens ringenden Helden etwas von eigener Empfindung des Dichters zum 
Ausbruch käme: Schiller ist den Forderungen seiner Jugend, mit denen er einst 
gegen den Zwang der Gesellschaft und des Staates sich empört hatte, nicht 
untreu geworden; der alte Stürmer und Dränger lebt noch in ihm. So zeigen 
seine Tragödien, immer wieder den schmerzlichen Konflikt des ins Freie strebenden 
Menschen mit der einengenden Wirklichkeit. 
Anders die lyrische Poesie, die Gedankendichtung seiner gereiften Jahre; 
dort erscheint der Streit aufgelöst in eine Harmonie. Frühere Stücke freilich 
auch in dieser Gattung verraten noch den leidenschaftlichen Wunsch, die Feffeln 
einer alt und starr gewordenen Kultur zu zerbrechen und zu natürlichem Dasein 
und Denken zurückzukehren. Wir dürfen nicht vergesien, daß Schiller eine Zeit 
lang — ebenso wie Klopstock und Wilhelm v. Humboldt — für die Ideen der 
französischen Revolution begeistert war. Aber hier hat er denn doch verstanden, 
aus den Tatsachen zu lernen. Als die Schreckensherrschaft begann, als das 
Haupt des unglücklichen Königs auf dem Schafott fiel, da wandte er sich voll 
Ekel von „diesen elenden Schinderknechten" ab. Wenige Jahre später war es, 
daß er den Spaziergang dichtete. Und nun malte er das grausige Bild einer 
gewaltsamen Umwälzung, um davon abzuschrecken, und eröffnete statt besten den 
Ausblick in eine friedliche Entwicklung. Rückkehr zur Natur, das ist immer 
noch die Losung; aber sie soll erfolgen auf dem Boden des Bestehenden, ohne 
daß die Erzeugniste geschichtlicher Arbeit zerstört werden. Wie das freilich zu 
vollbringen sei, das bleibt die Aufgabe, ein ungelöstes Problem. Und so sehen 
wir: ein behaglich Zufriedener ist Schiller auch jetzt nicht geworden, wohl aber 
ein zuversichtlich Hoffender. Daß die Kulturtätigkeit der Menschheit, die Ent 
faltung edelster Geisteskraft auf die Dauer nicht zum Bösen führen kann, ist 
sein Glaube; man könnte sagen: seine religiöse Überzeugung. 
Schiller legt einmal sich selber die Frage vor, welche Religion er bekenne, 
Lind antwortet: keine von allen — aus Religion. Ein geistreich geprägtes
	        

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