Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Mühen zu entgehen, sondern um neu gekräftigt zu ihnen zurückzukehren. So ist 
es auch im Leben der Völker; auch ein Volk bedarf solcher immer erneuten Er 
quickung. Deshalb ist kein Zweifel, daß dem Triebe zu realem Wirken und 
Genießen, der uns jetzt beherrscht, über kurz oder lang ein stärkeres Gegengewicht 
des Denkens und Sinnens, der Weltbetrachtung von innen heraus, erwachsen 
wird. In welcher Gestalt? ob in der Person eines einzelnen Menschen, der, 
wie unser großer Staatsmann dem äußeren Dasein der Nation neue Formen 
gegeben hat, so den Strom des geistigen Lebens in ein anderes Bett lenkt, oder 
in einer unmerklich sich hervordrängenden Zeitrichtung, oder durch das bewußte 
Wirken einer innerlich verbundenen Schar — das kann niemand sagen. Kommen 
wird das Neue, und es wird an Schiller und seiner Art sich stärken. 
Deshalb wollen wir dem Anlaß, den der Jahrestag seines Todes bietet, 
nachgeben, uns wieder in ihn zu vertiefen. Nicht seine Sprache, seine Schön 
heit, seine ästhetischen Ansichten gilt es festzuhalten, sondern seine Weise des 
Denkens neu zu beleben. „Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort, doch der 
freie wandelt im Sturme fort": das klingt entmutigend; vielmehr ist es tröst 
lich. Das Wehen des Geistes bleibt in ewiger Bewegnng; alle tiefen Wahr 
heiten müssen immer wieder neu erlebt werden und sind dann immer wieder neu 
und ursprünglich. Gegenüber der Fülle der Überlieferung, die auf uns lastet, 
ist es eine Freude zu wiffen, daß das Echte und Eigentliche nicht überliefert 
werden kann, daß jeder es neu und selbständig herausgraben muß, daß wir, 
auch in den Ketten einer seit Jahrtausenden angesammelten Kultur, innerlich frei 
bleiben sollen und können. 
Allerdings ist solche Freiheit kein Kapital, das man hinlegen kann, um in 
Ruhe die Zinsen zu genießen; sie muß jeden Tag aufs neue erbeutet werden, 
wie das Leben des kühnen Jägers, der in den Bergen rastlos ein flüchtig Ziel 
verfolgt. Schiller ist nie in den Alpen gewesen; aber er kannte die Höhenluft 
des Geisteslebens. Auch dort wird dem Schwachen der Atem beklommen, auch 
dort gibt es Abgründe, vor denen dem Ängstlichen schwindelt. Aber der Ge 
sunde geht mit sicherem Tritt daran hin, und in der reinen Luft weitet sich ihm 
die Brust. Tief unter sich sieht er die Welt, den Qualm der Städte; dem 
Himmel fühlt er sich nahe, daß es ihm ist, als könne er hinaufgreifen und 
herunterholen jene „ewigen Rechte, die droben hangen unveräußerlich und un 
zerbrechlich, wie die Sterne selbst." Zu solchen Höhen ruft uns der Dichter; 
dorthin wollen wir ihm folgen. Nicht, um der Welt zu entfliehen, sondern um 
immer wieder Umschau zu halten nach Zielen und Wegen und dann mit er 
frischten Sinnen und Gliedern auf den Kampfplatz des Lebens zurückzukehren. 
Daß wir aus der Erhebung des Feiertages etwas an neuer Kraft mitnehmen 
zur Arbeit des Werktages: das erst wäre die rechte Ehrung für das Gedächtnis 
eines großen Mannes, eines großen Führers und Bildners der Menschheit.
	        

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