Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

238 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
einzelnen Menschen ein gewisses Gefühl des Unbefriedigtseins erforderlich ist, 
so ist auch um des geschichtlichen Zieles willen ein solches nicht ganz zu entbehren. 
Nur muß der Lehrer der Geschichte es verstehen, neben der Darlegung der 
nationalen Bestrebungen und Aufgaben die geeigneten Mittel und Wege anzugeben, 
durch die jene erreicht und gelöst werden können. Gefährlich und verhängnisvoll 
aber ist es, der Masse des Volkes Perspektiven zu eröffnen, die sie in Bewegung 
setzen, ohne den Weg zu dem ersehnten Ziele mit größter Klarheit zu bezeichnen. 
Der Egoismus der Menschen ist schnell bereit, jedes Mittel zu benutzen, das ihm 
zweckmäßig erscheint, um zu seinem Ziele zu gelangen, wenn es sich als un 
gefährlich anbietet. Daß sich ferner ganze Klassen von Menschen über die 
rechtliche Seite ihrer Mittel wenig Sorge machen, ja nur zu bald von derselben 
überzeugt sind, wenn nur der geringste Grund zur Unzufriedenheit vorhanden ist, 
lehrt die tägliche Erfahrung. Erwägt man weiter, daß der Mann demnächst 
sich Stellung und Fortkommen erringen muß, daß ihm Widerwärtigkeiten und 
Hemmnisse der mannigfachsten Art entgegentreten, daß er oft die Wahrnehmung 
von der Erfolglosigkeit der edelsten Gesinnung machen muß, so darf man sich 
nicht wundern, wenn die Ideale der Jugend bald schwinden, falls nicht der 
ethisch religiöse Gedankenkreis eine hinreichende Stärke erlangt hat, um solchen 
Stürmen und Klippen Trotz bieten zu können. 
Aus diesem Grunde kann die Schule ihre Arbeit bezüglich der religiösen 
und sittlichen Bildung nicht zu ernst nehmen, und nächst der Religion ist es 
vorzugsweise die Geschichte, durch die der Egoismus bekämpft und der sittliche 
Mensch gefördert werden muß. Denn diese zeigt dem Schüler, wie der Mensch 
gerade innerhalb der Gesellschaft zu einem vollkommenen Wesen, auch im christ 
lichen Sinne heranwachsen kann. Sie soll ihm zum Bewußtsein bringen, daß 
er ohne die Gemeinschaft nichts ist, daß er nächst Gott ihr alles verdankt, und 
daß er aus diesem Grunde auch Gegendienste zu leisten hat. Indem so die 
Geschichte auf der einen Seite dem Menschen seine Geringwertigkeit zum deutlichen 
Bewußtsein bringt, zeigt sie ihm auf der andern, daß er nur dann zur wahren 
Bedeutung gelangen, nur dann auf den Namen Mensch Anspruch machen kann, 
wenn er seine Kräfte und sein Wollen in den Dienst der Menschheit stellt. Zu 
gleich lehrt ihn auch die Geschichte, wie ein Zug des edelsten Opfersinnes tief im 
Herzen der Menschen begründet liegt, indem zu allen Zeiten dieselben um die 
Herbeiführung besserer Zustände gerungen und gelitten haben, ohne Aussicht, die 
Früchte ihrer Bemühungen selbst zu ernten?) 
Wenn so dem Zögling auf jedem Blatt der Geschichte lebendige Beispiele 
solchen Opfersinnes entgegentreten, die zum deutlichen Bewußtsein zu bringen sind, 
so wird es an der begeisternden Hingabe an die gemeinnützigen Ziele und an 
die nationalen Aufgaben, soweit sie in die Möglichkeit des eignen Strebens fallen, 
nicht fehlen. Die Einsicht aber in die fortschreitende Erreichbarkeit und Vervoll 
kommnung der nationalen Arbeiten, wie diese durch die Geschichte dargelegt wird, 
vermag auf die Intensität des eignen Wollens einen günstigen Einfluß auszuüben. 
Neben der rechten Klarheit über die geschichtlichen Aufgaben ist also dem 
Zögling nahezulegen, welche Anteilnahme man von ihm erwartet, und daß er 
tatsächlich in der Lage ist, die nationalen Bestrebungen an seinem Teile zu fördern. 
Der Geschichtsunterricht hat daher hauptsächlich solche Fragen zu betonen, die in 
*) Lotze, Mikrokosmus.
	        

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