Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Evangelisches Zchulblatt. 
— 3m». 
I Abteilung. Abhandlungen. j»j» 
Zur „Frauenbewegung", 
insbesondere Erfahrungen und Wünsche bezüglich unserer 
Mädchen-Schulbildung. 
Von Geminarlehrer a. D. Lettau in Königsberg i. Pr. 
Nicht unberechtigt ist leider die in jüngster Zeit immer öfter und lauter 
wiederholte Klage: Es geht niederwärts in unserm Volksleben. Wie erschrecklich 
die in allen Ständen zunehmende Gleichgültigkeit gegen die Forderungen der 
Moral, die Zunahme der Ehescheidungen, der Meineide, der Selbstmorde, der 
sozialdemokratischen (bezw. anarchistischen) und der ultramontanen (jesuitischen) 
Treibereien, der sittenverderbenden Literatur und Theater-Vorführungen; wie be 
denklich insonderheit auch die berechtigte Klage über die zunehmende Verrohung 
unserer Jugend, die Zunahme der Zahl jugendlicher Verbrecher, der Selbst 
morde Jugendlicher und zumal auch der argen Ausschreitungen in der Jugend 
der höhern, besonders einflußreichen Stände. „Unsere Studenten", so 
lautet eine in neuerer Zeit nicht selten wiederholte Klage, „waten im Sumpfe 
der Unsittlichkeit." (S. z. B. die bezüglichen Berichte in dem „Korre 
spondenzblatt zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit!") 
Da treten denn immer ernster und dringlicher die Fragen an uns heran, — 
insbesondere an alle, denen das wichtigste Menschheitsproblem, die Erziehung der 
Jugend, „der Zukunft des Volkes" anvertraut ist: Welches sind Ursachen solches 
bedrohlichen Niederganges, und welches sind empfehlenswerte Mittel zur Ver 
hütung eines weitern Versinkens, bezw. zur Beseitigung und Heilung der in 
unserm Volke vorhandenen Schäden und Krankheilszustände? 
Auf die erste dieser Fragen finden wir selbstverständlich eine besonders be 
achtenswerte Antwort in den Zeugnissen der Völkergeschichte. Wohl zutreffend 
bemerkt in dieser Hinsicht ein Goethe, „daß sich die Geschichte Israels als ein 
Symbol der Geschichte aller Völker erwiesen habe." Welch ein erfreulicher Auf 
schwung in der Entwickelung dieses Volks, solange die Mitglieder des 
selben wandelten in dem klaren Bewußtsein des ihnen von 
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