Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen, 
erobert Ehre und Reichtum, ihrem Gatten wird es nicht mangeln; ihre Söhne stehen 
auf und preisen sie selig, ihre Töchter handeln auch tugendsam. Ein holdselig 
Weib, das fromm bleibt, ist wie eine Helle Lampe auf dem heiligen 
Leuchter, wie eine goldene Säule auf silbernem Fußblatt." 
Ähnlich ein Jesus Sirach, aber zugleich auch warnend: 
„Schöne Weiber haben manchen betört, und böse Lust ist davon entbrannt wie 
Feuer. Es geht keine List über Frauenlift, kein Zorn ist bitterer als Frauenzorn. Die 
Sünde kommt her von einem bösen Weibe, und um ihretwillen müssen wir alle 
sterben." 
Daß solchen Zeugnissen entsprechend der Einfluß seitens der Frauenwelt 
auch bei allen andern Kulturvölkern gewesen, erfahren wir aus der Geschichte 
derselben. Wir finden bei allen, gemäß der von geistvollen, gründlichen, ethno 
logischen Forschern (namentlich v. Orelli, Semper, Hilprecht, Ehren 
reich, Peschel, Ratzel, Gutberlet, Hommel) festgestellten Resultaten, 
die auch durch viele neuerdings in den altassyrischen, altbabylonischen und alt 
ägyptischen Bauresten gemachten Entdeckungen bestätigt worden, einen erfreulichen 
Aufschwung in ihrer Erstentwickelung, und zwar ganz ähnlich wie in Israel 
grundwesentlich durch den Einfluß der Religion, die allerdings ursprünglich bei 
sämtlichen Völkern ein auf der Naturoffenbarung beruhender Monotheismus ge 
wesen (s. auch Röm. 1 u. 2). Die Religion war „der mütterliche Schoß, 
von welchem aus sich das ganze Geistesleben der Menschheit, namentlich auf den 
Gebieten der Gesetzgebung, Geschichtsschreibung, Dichtkunst, Architektur, Stern 
kunde rc., entfallet hat." Da nun Religion und Sittlichkeit allezeit in innigstem 
Abhängigkeitsverhältnis gestanden, so mußte selbstverständlich der Einfluß der 
Frauen, in denen von jeher das religiöse Gefühl eher, leichter als bei Männern 
erregbar und zu hingebungsvollem Bekennen und Schaffen geneigt ist, sich be 
sonders machtvoll und fördersam erweisen. Daher ist es erklärlich, daß bei allen 
Kulturvölkern in dem Familienleben derselben ursprünglich eine erfreuliche Rein 
heit herrschte. Die Ehe wurde heilig gehalten, der Ehebruch aufs strengste be 
straft. Die Chinesen sahen in der Ehe „das Abbild der Vereinigung von 
Himmel und Erde, woraus die ganze Erscheinungswelt geboren worden." Auch 
den Indern galt die Ehe als eine heilige Stiftung und war durch strenge Ge 
setze geschützt; es war dem Vater ausdrücklich verboten, seine Tochter ohne ihre 
Einwilligung zu verheiraten oder gar zu verkaufen. Das eheliche Leben der 
Altägypter war gleichfalls ein liebevolles. „Die Frau war frei von dem sonst 
im Familienleben des Orients herrschenden Zwange." Wie erfreulich, sittlich 
rein auch bei den Althellenen das Verhältnis der Eheleute gewesen, finden wir 
in besonders anziehender Weise in der Odyssee Homers dargestellt. „Nichts", 
so läßt H. den Odysseus bezeugen, „ist wahrlich so wünschenswert und er 
freuend, als wenn Mann und Weib, in herzlicher Liebe vereinigt, ruhig ihr 
Haus verwalten, dem Feinde ein kränkender Anblick, aber Wonne dem Freund,
	        

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