Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Zur „Frauenbewegung". 
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und mehr noch genießen sie selber." — Wie edel ist die Gestalt einer Pene 
lope in ihrer unbeugsamen Treue und einer Andromache in ihrer hin 
gebenden Liebe! „Hektor", so rühmt sie freudigst, „o du bist jetzo mir 
Vater und liebende Mutter, auch mein Bruder allein, o du mein blühender 
Gatte!" Helena, „die schönste der Frauen", fällt wegen ihrer Untreue der 
allgemeinen Verachtung anheim und nennt sich selbst eine „Hündin". — Größer 
noch als bei den Griechen war die im Familienleben des Römervolkes herr 
schende und wesentlich auf religiösen Weisungen ruhende Sittenstrenge. Wie die 
züchtige Hausfrau, „als hehre Priesterin in der Familie waltend, diese zu einem 
Heiligtum machte", zeigen z. B. die Lebensbilder einer Lucretia, Cornelia, 
der Mutter derScipionen u. a. Daher auch erklärlich, daß eine Vetaria, 
„mit ihrem Worte dem trotzigen Coriolan entgegentretend, mehr ausrichtete 
als tausend Bewaffnete." Valerius Maximus hat einen ganzen Abschnitt seiner 
„Memorabilien" den Zeugnissen ehelicher Treue gewidmet. Wir erfahren daraus 
z. B., daß in den ersten 500 Jahren der Entwickelung des Römervolkes keine 
Ehescheidung vorgekommen, ja daß selbst noch in späterer Zeit ein Senator 
wegen leichtsinniger Ehescheidung aus dem Senat ausgestoßen worden; in einer 
gesetzlichen Bestimmung war sogar demjenigen, der eine Frau mit schamlosen 
Worten beleidigte, die Todesstrafe zugesprochen. Das Erziehungsgeschäft gab die 
Mutter überhaupt nicht aus der Hand, und allgemeine Sitte war es, daß sie 
ihr Kind selbst stillte. „In grenrio matris educari“ galt, wie auch Cicero 
bezeugt, „als ein großer Vorzug". 
Mit besonderer Freude dürfen wir rühmen, daß das Familienleben unserer 
Vorfahren, der Altgermanen —, selbst nach den Zeugnissen der Historiker des 
ihnen feindlich gesinnten Römervolkes —, ein noch viel reineres, zarteres, 
innigeres und für die Entwickelung der Gesamtheit segensvolleres gewesen und 
ein solches auch noch länger geblieben als bei allen andern heidnischen Na 
tionen —, und zwar wieder wesentlich durch den Einfluß der Frauen. „In 
ihnen wohne", so glaubten die Altgermanen nach dem Zeugnis eines Tacitus, 
„etwas Heiliges, Ahnungsvolles, Prophetisches, weshalb sie weder ihre Rat 
schläge verachteten noch ihre Worte gering schätzten". Die Frau sollte nur eine 
Hoffnung, nur eine Liebe haben; darum war es bei einigen Zweigen des 
Germanenvolkes ausdrücklich feste Ordnung, daß nur Jungfrauen, keine Witwen 
sich vermählen durften. „Niemand", so fügt Tacitus noch ausdrücklich hinzu, 
„verlacht bei den Deutschen das Laster; verführen und verführt werden kommt 
bei ihnen nicht vor." 
Und woher ist es darnach auf dem Gebiete der Sittlichkeit bei allen alten 
Kulturvölkern gekommen —, und zwar gerade um die Zeit, da die Entwickelung 
der Wiffenschaften und Künste bei den beiden einflußreichsten dieser Völker eine 
zum Teil erstaunliche Höhe erreicht hatte? Daß nicht die Wissenschaften und
	        

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