Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Zur „Frauenbewegung". 
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Landern wiederholt vorgekommen, daß diese Blüten des Volks erkrankten, daß 
Frauen, zumal solche, die den angesehenen, besonders einflußreichen Ständen an 
gehörten, gleichgültig wurden gegen das Fundament der Sittlichkeit, das Evan 
gelium von Christo, und infolgedessen ihres Sonderberufs vergaßen, — alsdann 
erfolgte alsbald ein Sinken auf allen Gebieten des äußern und innern 
Lebens —, so namentlich in neuerer Zeit bei den romanischen Völkern. Haupt 
sächlich durch den Einfluß verderbter Frauen wurde der Sturz der französischen 
und spanischen Bourbonen samt den darauf folgenden Schrecken der Revolution 
veranlaßt. — Demgemäß die Klage der „Eglise libre“ anno 1870: 
„Wir haben alles, was unter den Menschen rein und heilig ist, verhöhnt. Das 
Weib, die Familie und ihre Pflichten, alle häuslichen Tugenden sind für uns 
zum Gelächter geworden. Unsere Theater und unsere Literatur sind eine Schule 
der Unsittlichkeit geworden. Durch die Frivolität unsers Charakters, durch 
unsere lange Gewöhnung an die Knechtschaft, durch unsern rohen Geschmack, 
unsere schamlosen Moden, unsere schmutzigen Lieder haben wir unsere Zeit entehrt. 
Und sind das nicht alles Vorwürfe, die das weibliche Geschlecht mit doppelt ge 
schärfter Spitze treffen?" — 
Wenn gegenwärtig in unserm deutschen Volke ähnliche bedenkliche Er 
scheinungen hervortreten, wie eingangs dieser Abhandlung darauf aufmerksam ge 
macht worden, so weiset uns ja nun das Zeugnis der Geschichte deutlichst auf 
ein Mittel hin, das vornehmlich Aussicht bietet, dem drohenden Niedergang er 
folgreich entgegenzutreten: es ist die sorgsamere, zweckmäßigere Bildung des 
weiblichen Geschlechts. Ich sage ausdrücklich: „eine sorgsamere und zweck- 
wäßigereBildung, als sie gegenwärtig meist üblich ist." Welches 
die für diesen Zweck besonders beachtenswerten Gesichtspunkte sind, ist in den 
obigen Darlegungen wohl hinlänglich angedeutet. Es muß vor allem auf 
die heranwachsende weibliche Jugend sorgsam st eingewirkt 
werden, daß sie sich der ihrem G.eschlecht zugewiesenen Auf 
gabe als einer gar herrlichen, huch wichtigen immer klarer, 
freudiger — und demutsvoll! — bewußt werde. 
Es dürfte nun wohl zunächst wünschenswert sein, deutlicher darzulegen, 
welches die Eigenart des weiblichen Naturells ist. Nicht "wenige 
unserer geistvollsten, sinnigsten Forscher haben sich mit dieser Frage eingehend 
beschäftigt und im wesentlichen übereinstimmende Resultate herausgestellt. So 
z. B. ein Herbart in seinem „Lehrbuch zur Psychologie": „Die Ver 
schiedenartigkeit der Geschlechter ist von früher Jugend an kenntlich: Mädchen 
werden eher klug und sind eher geneigt, sich in den Grenzen des Sittlichen zu 
hallen. Dagegen ist ihre Erziehungsperiode kürzer als bei Knaben. Sie 
sammeln daher weniger geistigen Vorrat, aber sie verarbeiten ihn schneller und
	        

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