Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
mit geringerer Mannigfaltigkeit und Zerteilung. Die Folge zeigt sich im 
ganzen Leben. Das weibliche Geschlecht hängt an seinem Gefühle, der Mann 
richtet sich mehr nach Kenntnisien, Grundsätzen und Verhältnissen; dazu kommt 
noch die Vielförmigkeit der Berufsgeschäfte, darin die Männer sich teilen." 
Ähnlich Lotze (Mikrokosmus). Er betont „neben dem Gefühl des Gebunden 
seins, welches die weibliche Natur ihren Beruf in der Nähe finden heißt, zu 
gleich ihre größere Anbequemungsfähigkeit, vermöge welcher sich die Frau leichter 
in neue Lebenszustände, Rangverhältnisie rc. schickt als der Mann." Was die 
geistigen Fähigkeiten betrifft, so urteilt er von den Frauen: „sie sind wifsen- 
schaftlichen Bestrebungen weniger zugänglich, ihre Gedanken haben einen mehr 
anschauenden künstlerischen Gang. Damit hängt die Sicherheit des religiösen 
Glaubens und der Friede des Gefühls zusammen —, ein Übergewicht des 
lebendigen Taktes über die wiffenschaftliche Zergliederung." Desgleichen auch 
Wiese („Zur Geschichte und Bildung der Frau"): „Aus der Region der Un 
mittelbarkeit läßt sich das meiste dem weiblichen Seelenleben Eigentümliche ab 
leiten, ihr lebhafteres Zartgefühl, ihre raschere Auffaffung und schnellere 
allgemeine Entwickelung. Wo bei dem Knaben, der sich die Dinge auf dem 
Wege objektiver Erkenntnis anzueignen strebt, die Fragen der beginnenden 
Reflexion eine Antwort verlangen, bestimmt sich bei dem Mädchen Verständnis 
und Urteil viel schneller unmittelbar. Der männliche Verstand sondert und baut 
stückweise auf, während der Trieb der weiblichen Seele mehr auf ein Anschauen 
im Ganzen hindrängt und mehr auf die Einheit als auf die Unterscheidung der 
Teile gerichtet ist. Damit hängt zusammen ein leichteres Sichfinden in dem, 
was ist, mehr gläubige Hingebung, Achtung vor dem Gegebenen und Positiven, 
vor Tradition und Sitte, also mehr Pietät, während beim Knaben früh die 
Kritik sich regt, die das Vorhandene meistern will. Dem vorwiegenden Leben 
im Gefühl und der Anschauung entspricht mehr Verständnis für das Persönliche 
als für das Allgemeine, mehr Abhängigkeit von Sympathie und Antipathie als 
von logischen Motiven, endlich ein lebhafterer Sinn für Form und Erscheinung 
und damit die Richtung auf Idealität, ein instinktiver Zug zum Schönen, 
Wohlgefallen an allem Harmonischen und Anmutigen. Notwendig eng ver 
bunden mit diesem Sinn für Form und Erscheinung ist die Sorge: wie er 
scheine ich selbst? und das schon in der Zeit, wo dem Knaben alles, was An 
stand heißt, sehr gleichgültig zu sein pflegt." Dementsprechend in Kürze auch 
Goethe (Tasso): „Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte." — 
Mit besonderer Freude dürfen wir Deutsche es rühmen, daß die Sonder 
begabung unserer Frauen —, wie es ja unsere Vorfahren deutlich gemerkt (s. o.), 
die eigenartigen Vorzüge unsers Volks in besonders lieblicher, fesielnder Weise 
wiederspiegelt; es ist die Art, wie sie uns namentlich in unserm großen Refor 
mator so anziehend entgegentritt. „Die besten Seiten deutschen Wesens" (so
	        

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