Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Zur „Frauenbewegung". 
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bezeugt gar trefflich ein R. Rothe, in „Stille Stunden") „sind in 
unserm Dr. Luther zusammengefaßt und zur schönsten und reichsten Blüte ge 
kommen: Tiefe des Gemüts und kindlicher Sinn, heiliger Ernst und fröhlicher 
Scherz, ein Auge, das in die Abgründe der Ewigkeit drang und zugleich mit 
Freuden auf jeder Blume des Feldes weilte, ein Mut, der von heftigem Zorn 
wallen konnte und doch wieder im heiligen Liede und im fröhlichen Gesänge sich 
ergoß. Was deutsche Natur Schönes und Edles von Gottes Gnaden empfangen 
hat, das war in ihm vereinigt. Wenn einer ein Symbol der geistigen Einheit 
unseres Volkes zu sein geeignet ist. so ist es der Sohn der Thüringer 
Berge." -- Es ist fürwahr in der Natur unserer Frau mehr als in der 
männlichen der Sinn der Kinder rechter Art, die eher als der Verstand 
der Verständigen sehen, erfassen und üben, was recht und gut 
ist, und damit verbunden der Geist der Sanftmut und Demut, worin vor 
nehmlich zur Erscheinung kommt das eigenartig Anziehende „Ewig-Weibliche", 
das allerdings in vollkommenster Reinheit und höchster Fülle uns in unserm 
Heilande entgegentritt. Endlich wäre hier noch auf einen Vorzug, der besonders 
bei unsern deutschen Frauen hervortritt, hinzuweisen! Es ist das Lehr 
talent, begründet in der allen mehr oder weniger „ angebornen Mütter 
lichkeit" —, das Talent, das bekanntlich unserm Volke in höherem Maße als 
andern Nationen zugewiesen ist. Die Zeugnisse „die Frauen sind geborne 
Pädagogen" (Wiese) oder „die praktische Pädagogik, der erste 
Unterricht und die wirksamste Erziehungsmethode müssen einer 
Mutier abgelauscht werden" (Pestalozzi) gelten insbesondere von unsern 
deutschen Frauen. 
Es liegt nun wohl die Befürchtung nahe, daß das Bewußtwerden solcher 
eigenartigen Vorzüge in Mädchenseelen ein übermäßiges Selbstgefühl, einen phari 
säischen Hochmut erwecken könnte. Wiederholt ist ja sogar das Bedenken geäußert 
worden, daß ein solches Besinnen über sich selbst schon an sich ein Krankheits- 
zustand sei, „indem die Reflexion den gesunden Instinkt störe; wer gesund sei, 
der entspreche dem ihm zugewiesenen Beruf aus innerem Naturtriebe und nicht 
kraft eines reflexionsmäßigen Sich-Vorhaltens der Pflicht." — Darauf ist zu 
nächst zu antworten, daß schon die Weisesten der antiken Kulturvölker solcher 
Befürchtung entschieden entgegentraten, indem sie das „Erkenne dich selbst"! 
als Grundlage aller Weisheit empfahlen. Aber als noch entschiedener, dringlicher 
maßgebend müssen wir in dieser Hinsicht die bezüglichen in der Entwickelung 
aller christlichen Völker vollauf bewährten Winke und Weisungen der Heiligen 
Schrift erkennen. Sie sagen's ja deutlichst, daß nicht nur jeder einzelne, 
sondern auch jede Volksgesamtheit eine Sonderbegabung und 
damit zugleich die heilige Pflicht zugewiesen erhalten habe, 
solcher Gabe sich bewußt zu werden und mit ihr zu dienen (wie
	        

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