Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Zur „Frauenbewegung". 
281 
anwachsen. Auch hier gilt also im weitern Sinne das Wort: „Was Gott 
zusammengefügt, soll der Mensch nicht scheiden!" — Dement 
sprechend G. Baur, in „Grundzüge der Pädagogik" (und ähnlich nicht wenige 
unserer geistvollsten und erfahrensten Pädagogen): „Im Leben der Mündigen 
sind Mann und Weib zu gegenseitiger Unterstützung und Ergänzung bestimmt. 
Auf diese Bestimmung die Jugend vorzubereiten, wird der Erziehung nur in 
Verhältnisten gelingen können, in welchen ein Wechselverkehr zwischen Zöglingen 
männlichen und weiblichen Geschlechts stattfindet. Die Nachteile, welche aus 
solchem Verkehre erwachsen können, sind da nicht zu befürchten, wo nicht äußere 
Verhältnisse, etwa die zu große Anzahl der Zöglinge, eine erziehende Einwirkung 
überhaupt unmöglich machen; dagegen kann nur bei gemeinschaftlicher 
Erziehung von Zöglingen beiderlei Geschlechts in diesen das 
Bewußtsein ausgebildet werden von der durch den Geschlechts 
charakter bestinlmten eigentümlichen Sphäre eines jeden Ge 
schlechts und von dessen Pflichten gegen das andere, und dies 
Bewußtsein ist wieder eins der zuverlässig st en Bewahrungs 
mittel gegen unnatürliche geschlechtliche Verirrungen." 
Ähnlich haben sich in neuerer Zeit namentlich Rosegger, Ribbing, 
Siebert, Ellen Key, Schlesinger, Lyttleton, Prof. Kopp („Die Er 
ziehung der Jugend und geschlechtliche Aufklärung") u. a. geäußert. „Früh 
zeitig", so fordern sie, „sei dafür zu sorgen, daß zwischen ältern Knaben und 
Mädchen eine harmlose Kameradschaft entstehe, damit nicht die sexuelle Erregbar 
keit gesteigert werde, wenn einmal die gezogenen Schranken fallen müssen. Die 
Gefahr ist viel größer, wenn nach längere Zeit künstlich durchgeführter Iso 
lierung schließlich doch und dann plötzlich die Gelegenheit zur Annäherung ge 
geben ist. Wer von Jugend auf mit Schwestern und deren Freundinnen 
unbefangen gesellig verkehren konnte, wird auch ganz gewiß später im Umgänge 
mit dem andern Geschlecht unbefangener, ruhiger, von geschlechtlicher Reizung 
freier und auch weniger linkisch sein als derjenige, dem, aus welchem Grunde 
immer, während der ganzen Entwickelungszeit ausschließlich der Verkehr mit den 
Altersgenossen des gleichen Geschlechts zu Gebote stand." 
Wie sich die „Koedukation" in vielen unserer Volksschulen als zweckmäßig 
bewährt hat, bestätigen fort und fort die von gewissenhaften Volksschullehrern 
gemachten Erfahrungen. Neulich äußerte sich einer derselben mir gegenüber in 
dieser Beziehung: „Überaus befremdlich ist es mir, wie man irgend welche Be 
denken gegen die gemeinsame Schulerziehung der Geschlechter haben kann. Mir 
und vielen meiner Kollegen, die es treu und ehrlich mit ihrer Schularbeit 
meinen, ist es stets eine rechte Freude gewesen, wahrzunehmen, wie sich die 
Geschlechter in gemeinsamem Verkehr sowohl im Unterricht 
als auch beim Spiel vor allem ihrer Eigenart und der ihnen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.