Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Das Universitätsstudium der Volksschullehrer. 
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Lu 3. Soll auch den Kindern keinerlei ästhetisches Urteil zugemutet werden, so 
muß doch der Lehrer solches besitzen. Auf gründ der Elemente, die ihm 
der Seminarunterricht gegeben, hat er sich selbst weiterzubilden. 
Hierzu dient das Studium einer wissenschaftlichen Ästhetik, der neuer 
dings zahlreich erschienenen Werke über die Praxis der Kunsterziehung und 
das liebevolle Sichversenken in die Werke der bildenden Kunst, wie ihm 
dazu abgesehen von den kunstgeschichtlichen Handbüchern und dem Besuch der 
Museen die genannten Künstlermappen die beste und billigste Gelegenheit 
bieten. 
Wer so seinem Jdeenkreise, seinem Empfindungsleben, seinen Berufsinteressen, 
einen wachsenden Einschlag künstlerischer Elemente gibt, der darf gewiß sein, daß 
er in eben dem Maße für sein persönliches Erleben, seine Berufsauffassung, 
seinen Unterrichtsbetrieb neuen Schwung, neue Fröhlichkeit, neue Befriedigung 
hinzugewinnen wird. Ist doch der Erzieherberuf in der idealen Auffassung, wie 
wir sie uns immer ivieder wünschen möchten, auf der Höhe der Meisterschaft, 
selbst eine bildende Kunst. Künstlerfreude sei es uns, Menschen zu bilden. 
Zur Geschichte der Zchul- 
wesens. * Biographien. 
Uorrespondenzen. M M 
II. Abteilung. 
Q.9 
Lehrproben. m m M 
Erfahrungen aus dem 
Zchul- und Lehrerleben. 
Das UinversitätSstudium der Volksschullehrer. 
Durch die Verhandlungen des letzten deutschen Lehrertages (in Königs 
berg) sind die verschiedenen Ansichten über die Bedeutung des Universitätsstudiums 
für die Bildung der Volksschullehrer in eine scharfe Beleuchtung gerückt worden. 
Als unbestritten hat wohl heutzutage in Lehrerkreisen die Forderung zu gelten, 
daß den Lehrern der Zugang zur Universität zu öffnen sei, und zwar auf Grund 
des Reifezeugnisses der ersten Lehrerprüfung. Diese Studien werden als unum 
gängliche Vorbedingung für die Bekleidung höherer Aufsichtsstellen im Schuldienst 
und der Seminarlehrerstellen angesehen. Es ist dies eine Auffassung, die von 
je her auch im Evang. Schulblatt vertreten worden ist. Das forderten auch die 
Thesen des Seminaroberlehrers Muth es ins; er sagt: „Die Universitäten als 
Zentralstellen wissenschaftlicher Arbeit sind die geeignetste, durch keine andere 
Einrichtung vollwertig zu ersetzende Stätte für die Volksschullehrer-Fortbildung" 
(1. These). Wie bekannt, trat die Versammlung dieser Auffassung aber nur 
bedingungsweise bei. Sie soll nach den von der Versammlung an 
genommenen Thesen Langermanns nur für die Gegenwart gelten; augen 
blicklich läßt sich eben nicht mehr erreichen. Die grundsätzlichen Forderungen 
gehen weit darüber hinaus, oder vielmehr, sie stehen dazu in völligem Gegensatz. 
Das Universitätsstudium soll nicht der Fortbildung dienen, sondern es soll 
obligatorisch werden, so daß die Lehrerbildung selbst unter völliger Beseitigung 
des Seminars lediglich von der Universität übernommen wird. 
Für die erstere, gemäßigtere Forderung gilt also das Seminar als „höhere
	        

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