Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die Bibelfrage in der Gegenwarb 301 
Garantie für jeden Buchstaben schafft, gelten lassen und nicht durch eine selbstgemachte, 
angeblich sichere Theorie ersetzen, werden wir von der Tatsache überwältigt, daß die 
Kirche aller Orten und aller Zeiten in den Hauptbüchern des Alten und Neuen Testa 
ments übereinstimmend die Sprache des Geistes vernommen hat. Was bedeutet es im 
Vergleich mit der imponierenden Masse der Haupt- und Kernbücher der Offenbarung, 
daß an der Peripherie hier und dort eine gewisse Unsicherheit bleibt? Das ist die Art 
wahrhaft geschichtlichen Lebens. Die Bibel ist eben kein totes Gesetzbuch, sondern ein 
lebendiger Organismus, bei dem es einen Unterschied macht, ob man ein lebenswichtiges 
oder ein mehr untergeordnetes Organ angreift. Es ist ein Unterschied, ob man einem 
Menschen das Haar schneidet oder den Kopf nimmt. Diese Betrachtungsweise sollen 
wir auf die Bibel anwenden lernen: so werden wir der großen Hauptstücke immer 
gewisser werden und von ihnen aus stets weiteres Terrain erobern. Man lasse doch 
sowohl die übergläubige als die kritische Kleinlichkeit fahren, welche niemals Gottes 
große Realitäten in der Offenbarungsgeschichte greifen wird!" 
Ebenso legt Professor Lütgert sehr eindringlich dar, daß es sich bei der 
Frage nach der göttlichen Eingebung der Heiligen Schrift nicht um 
die Behauptung der Jnfallibilität der Bibel handelt, auch nicht darum, die 
biblischen Schriftsteller über das allgemein menschliche Niveau zu erheben, als ob 
es nicht Menschen gewesen wären gleich wie wir, durch ihre persönlichen Schwächen 
und ihre Volksart beschränkt. Vielmehr ist das die Frage, ob durch diese 
Menschen Gott zu uns spricht. Darauf allein kommt es an, daß in der 
Bibel und durch die Bibel Gott sich selbst uns gibt. „Wir suchen nicht 
Gottsucher, sondern Gott; wir suchen nicht Menschen, die nach ihm fragen, 
sondern Menschen, denen er antwortet." Finden wir dies in der Bibel, dann 
macht uns die doppelte Reihe von Merkmalen keine Skrupel mehr; dann 
getrösten wir uns nämlich bei dem Problem der Inspiration dessen, daß „die 
Bibel die Kennzeichen menschlichen Ursprungs und die Kennzeichen göttlichen Ur 
sprungs an sich hat." Nicht nur für die göttliche, sondern auch für die mensch 
liche Seite an der Bibel gilt auch die Mahnung des Herrn: „Selig ist, wer 
sich nicht an mir ärgert." 
Dr. Lepsius endlich, der am allerschärfsten mit der modernen Theologie, 
speziell mit der religionsgeschichtlichen Auffassung des Alten Testaments ins Gericht 
geht, spitzt den Gegensatz in dem Dilemma zu: Ist das Alte Testament Mytho 
logie oder Offenbarung? Die durchweg burschikos-ironische Art, in der 
er sich mit den Gegnern auseinandersetzt, wird nicht jeder als geschmackvoll und 
würdig empfinden, aber die scharfe Pointierung des Problems: „Hat Gott den 
Menschen geschaffen nach dem Bilde Gottes? Oder hat der Mensch Gott ge 
schaffen nach dem Bilde des Menschen?" ist in der Tat sehr einleuchtend und 
beachtenswert. „Offenbarung kann nicht nur Verkündigung von irgendwelchen 
Wahrheiten oder Lehren sein; Offenbarung muß Schöpfung sein, Schöpfung von 
etwas, was dann allerdings zuletzt nicht mehr nur Geschöpf sein kann." — Aber 
auch dieser schonungsloseste Gegner der Modernen nimmt keinen Anstand, un 
befangen zu erklären: „Wenn wir sagen, daß ein Buch wie das Alte Testament 
Offenbarung sei, oder daß die ganze Bibel Offenbarung sei, so sagen wir damit 
natürlich nicht, daß dies Buch vom Himmel gefallen sei. Als Buch ist es gerade 
so entstanden, wie jede andere Büchersammlung. Schriftstellerisches Bemühen hat 
die einzelnen Bücher geschaffen. Literarische Arbeit hat sie gesammelt. Abschreiber 
haben sie abgeschrieben. Übersetzer haben sie übersetzt. Dabei ist es ganz menschlich 
hergegangen, und nichts Wunderbares brauchte sich dabei zu ereignen." 
„Darum, wenn wir von Offenbarung reden, soll dies nicht heißen, daß dies 
Buch fehlerlos sei. Das ist ja undenkbar. Ein Buch, das durch Jahr- 
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