Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

302 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Hunderte, Jahrtausende von Abschreibern vervielfältigt worden ist, so daß es uns 
jetzt in Hunderten voneinander abweichenden Handschriften vorliegt, hätte nur 
durch ein fortgesetztes Wunder fehlerlos sein können. Dies Wunder aber ist 
nicht geschehen. Denn jeder Kenner der handschriftlichen Überlieferung weiß, daß 
der Text des Alten und Neuen Testamentes tatsächlich in einer Form vorliegt, 
die eine Fülle von Fehlern und Varianten aufweist, ja in großen Partien an 
schwerer Textverwirrung leidet. Daher hat auch niemand unter uns einen Bibel 
text im Gebrauch, der nicht schon aus einer philologischen Bearbeitung der hand 
schriftlichen Überlieferung hervorgegangen wäre. Es gibt biblische Bücher, deren 
Text leidlich gut erhalten ist, und solche, deren Text schlecht erhalten ist." — „Offen 
barung will auch nicht sagen, daß die Verfasser biblischer Bücher unfehlbar ge 
wesen seien. Kein Prophet und Apostel ist je ein solcher Narr gewesen, sich, wie 
der Papst, für unfehlbar zu halten. Unfehlbarkeit gibt es bei Menschen nicht, 
aber es gibt Gewißheit, es gibt göttliche Gewißheit." 
So weit die fünf Vorträge. Die hier kurz angedeuteten Probleme sind 
aber so groß und ernst, daß wir sie in einem grundsätzlichen Zusammenhange 
noch einmal näher zu erörtern haben. Davon im nächsten Hefte mehr. 
von Rohden. 
Der dritte reUgwnöwrffenschafttiche Ferien- 
kursuö in Bonn. 
Zu Beginn des Kursus fand eine Begrüßungsfeier statt, in der der Vor 
sitzende des Kursus, Rektor Kessel-Mülheim am Rhein, die Anwesenden herzlich 
willkommen hieß und unter allgemeiner Zustimmung noch einmal feststellte, was 
zur Einrichtung dieser Kurse angetrieben habe und noch antreibe. Er sagte: 
„Was diese Kurse ins Leben gerufen hat, das ist in erster Linie das Streben 
der Lehrerschaft nach Weiter- und Fortbildung, vornehmlich mit dem praktischen 
Zwecke der Verwertung und Verwendung im Unterrichte. Es ist dann aber 
auch — und wahrlich nicht an letzter Stelle — das uralte Bedürfnis nach Re 
ligion, das, wie Prof. Weinet sagt, im Menschen überhaupt nicht untergehen 
kann, das nach Herbarts Worten viel zu stark ist und sich immer aufs neue 
erzeugt, so daß man immer gern ergreift, was religiöse Befriedigung erzeugen 
kann!" 
Das Programm umfaßte folgende Vorträge: 
1. Professor Meyer-Zürich (früher Bonn): Der dritte Artikel (Fortsetzung 
der früheren Vorträge über den zweiten Artikel des Apostolikums). 
2. Profeffor Böhmer-Bonn: Luther im Lichte der neueren Forschung. 
3. Professor Sell-Bonn: Schiller nach ethischen und religiösen Gesichtspunkten. 
Für jedes Thema waren sechs Stunden Vortragszeit angesetzt. Abends 
schlossen sich eingehende Besprechungen daran, um das Gebotene für das Ver 
ständnis und die Schulpraxis recht fruchtbar zu machen. Außerdem hatten sich 
die Kursusteilnehmer an der Hand der von den Herren Dozenten angegebenen 
Literatur für die Vorträge vorbereiten können. Und da endlich sämtliche Vor 
träge demnächst in Druck erscheinen werden, wie es auch bei den früheren Kursen 
der Fall gewesen ist, so hat die Lehrerschaft ein weiteres Mittel, um das Ge-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.