Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Der dritte religionswissenschaftliche Ferienkursus in Bonn. 305 
Professor Seil behandelte Schiller nach seiner ethischen und religiösen Be 
deutung. Ausgehend von Schillers Worten in seinen Votivtafeln: 
„Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, 
die du mir nennst. — Und warum keine? — Aus Religion," 
zeigte Redner, in welchem Sinne bei Schiller „Religion" zu verstehen sei, nämlich 
als subjektive Religion im Sinne Schleiermachers im Gegensatz zur objektiven 
(offenbarten) Religion. Um seine ethisch-religiöse Gedankenwelt zu verstehen, 
müssen wir Schiller hineinstellen in die Strömungen seiner Zeit (Pietismus, 
Aufklärung, Idealismus) und in diesem geistigen Zusammenhange seine Werke 
betrachten. Der Vortragende legte deshalb seinen Ausführungen folgende Dis 
position zugrunde: 
1. Schillers Entwicklung, 
2. Die Entwicklung des Idealismus, 
3. Schillers ethisch-religiöse Gedankenwelt in den drei Hauptperioden seiner 
Entwicklung, 
4. Schillers Bedeutung für die Vollendung des Idealismus, 
5. Bedeutung des Idealismus in Beziehung zum Christentum. 
Schillers Entwicklung zeigt drei Hauptperioden: 1. die Läuterung (1780 
bis 1789), 2. die Vertiefung (1789—95), 3. die schöpferische Vollendung. 
Die Entwicklung des Idealismus beginnt bei Plato und führt zu den ver 
schiedenartigsten Weltanschauungen (Dualismus, Monismus und Pluralismus). 
Leibniz und die Führer der Aufklärung (Voltaire, Rousseau) sind die Väter des 
deutschen Idealismus, der eine ganz neue Geisteswelt, eine neue Weltanschauung 
(Wertanschauung) geschaffen hat, eine Parallelbewegung zur Aufklärung, zugleich 
aber auch eine Gegenbewegung. Die besten Geister Deutschlands unter den 
Denkern und Dichtern des 18. Jahrhunderts gehören zu den Trägern dieser 
geistigen Bewegung (Klopstock, Winckelmann, Lessing, Hamann, Kant, Herder, La- 
vater, Goethe und zuletzt Schiller, der als ihr Vollender gilt). Auf Schillers 
Weltanschauung haben alle diese Männer Einfluß gehabt, am meisten aber wohl 
Kant, dessen kritischer Idealismus in der letzten Preriode von Schillers Ent 
wicklung am meisten zum Ausdruck kommt. 
Die Religion spielte bei den geistigen Trägern des Idealismus eine hervor 
ragende Rolle. Inwieweit das bei Kant zutrifft, ist im Schulblatt vom Heraus 
geber eingehend beleuchtet worden. Bei Schiller zeigt sich die Bedeutung der 
Religion für ihn und die Menschheit in seinen Gedichten. Wir können hier 
auf das Buch des Herrn Vortragenden (Sell, Die Religion unserer Klassiker, 
Mohr, Tübingen) verweisen und heben darum nur einige Gedichte hervor, die 
Schillers ethisch-religiöse Gedankenwelt wiederspiegeln und die der Vortragende 
eingehend besprach: „Rousseau" (Zerfall mit dem kirchlichen Christentum), „die 
Freundschaft" (im Banne des dogmatischen Idealismus), „an die Freude" (For 
derungen an uns im Verhalten gegen Gott, gegen die Mitmenschen und gegen 
uns selber), „die Künstler" (der Kulminationspunkt der ethisch-religiösen Be 
deutung Schillers); ferner in der zweiten Periode: „Sehnsucht" (Schillers Glaube 
vom Jenseits — phänomenale und intelligible Welt), „Ideal und Leben" (Wert 
und Bedeutung des Ästhetischen und Idealen); endlich in der dritten Periode: 
„Die drei Worte des Glaubens" (Freiheit, Tugend, Gott offenbaren sich in 
unserm Innern), „Die Worte des Wahns" (Überwindung des Rationalismus. 
Betonung des Glaubens). Eine wichtige Ergänzung zu diesen Gedichten bilden
	        

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