Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Das Universitätsstudium der Volksschullehrer. 
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Aufgabe dieses Berufs." Prof. Nein (Jena) stellt den Königsberger Be- 
schlüsien mit Nachdruck den Satz gegenüber: „Die Universitäten sind in ihrer 
gegenwärtigen Berfassung vollständig ungeeignet für die Ausbildung der 
Bolksschullehrer." Prof. Gunkel (Berlin) nennt jenes Ziel „eine Utopie, schon 
aus pekuniären Gründen. Ich bedaure die Aufstellung dieses Ziels, weil ich 
fürchte, sie werde für die Gegenwart die Erfüllung auch der berechtigten Wünsche 
der Lehrer erschweren." Und Geheimrat Prof. Osk. Jäger (Bonn) weist mit 
eindringlichen Worten auf die Vorteile hin, die der jetzt gebräuchliche Ausbildungs 
gang der Lehrer bietet: „Die Einfachheit und daraus entspringende Sicherheit 
der Vorbildung des Volksschullehrers erachte ich für ein hohes Gut, um das ich 
während meines langen Lehrerlebens Sie oft zu beneiden Ursache hatte. Die 
Volksschullehrer würden, wenn sie Universitätsbildung und -Vorbildung erstrebten, 
meiner Meinung nach ein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht eintauschen." 
Jene Beschlüsse der Königsberger Lehrerversammlung sind einem unfrucht 
baren Radikalismus entsprungen, und es ist erfreulich, daß sie hier von kom 
petenten Beurteilern offen als das hingestellt werden, was sie in Wirklichkeit 
sind: eine bedauerliche Verirrung, die dem Lehrerstand keineswegs zum Nutzen 
gereicht. 
So energisch man die Aus bildung der Volksschullehrer von der Universität 
abweist, so ist man doch andrerseits der Überzeugung, daß ihnen zu ihrer Fort 
bildung die Hochschule nicht verschlossen sein soll. Mehrere Professoren — wie 
z. B. Rein und Detmer in Jena, Busse (Königsbergs Witkowski 
(Leipzig) — treten dafür ein, sie allen Lehrern zu öffnen, die Mehrzahl ist 
dafür, daß, ähnlich wie es in Leipzig, Jena und Gießen bereits geschieht, einer 
Auswahl der bestbeanlagten und strebsamsten Lehrer die Möglichkeit eines regel 
rechten akademischen Studiums gewährt werden möge. Die sächsische und hessische 
Einrichtung, nach der diejenigen Lehrer, die vorzügliche Prüfungszeugnisse er 
worben haben, die Universität beziehen und am Ende ihrer Studien eine Abschluß 
prüfung ablegen können, wird dabei wiederholt ausdrücklich als vorbildlich hin 
gestellt, so von den Professoren Lamprecht, Ratzel und Volkelt in Leipzig, 
Gunkel, Paussen und Ziehen in Berlin, Collin und Hansen in 
Gießen, Martius und Wolfs in Kiel, Bernheim in Greifswald, Braune 
in Heidelberg, Eucken in Jena. Sieveking in Marburg. 
Daß gutbefähigte Volksschullehrer die nötige Reife haben, um mit Erfolg 
am akademischen Unterricht teilzunehmen, wird allgemein anerkannt. Es ist be 
merkenswert. wie bestimmt eine große Anzahl von Professoren den Erfahrungen, 
die sie in dieser Hinsicht gemacht haben, Ausdruck geben, wie warm sie den 
Bildungseifer solcher Volksschullehrer anerkennen und deshalb befürworten, daß 
ihnen die Universitäten entgegenkommen möchten. Prof. Witkowsky sagt, daß 
die studierenden Lehrer, die im Laufe von fünfzehn Jahren an seinen Vorlesungen 
und Übungen über deutsche Sprache und Literatur teilgenommen haben, im 
Durchschnitt in bezug auf Fähigkeiten und Leistungen seinen andern Schülern 
mindestens ebenbürtig waren, und daß er häufig habe feststellen können, daß 
Lehrer an geistiger Reife und Ernst des Strebens den übrigen Studenten vor 
zuziehen seien. Gleich günstig urteilt Prof. Volkelt; er rühmt, daß die stu 
dierenden Lehrer „sich nicht nur durch besonders fieißigen Vorlesungsbesuch, an 
dauerndes Interesse und tüchtiges Arbeiten auszeichnen, sondern daß auch eine 
ungewöhnlich große Zahl unter ihnen es zu wertvollen wissenschaftlichen Leistungen
	        

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