Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
tiefer Sinn gesucht, oder vielmehr aus dem Sinne des Auslegers in den Schrift 
buchstaben hineingelegt wird. Das ist nicht nur eine bedenkliche allegorisierende 
Spielerei mit Worten, das ist geradezu eine unverzeihliche Irreführung der harm 
losen Zuhörer, eine Unwahrhaftigkeit, die dem Worte Gottes gegenüber doppelt 
schwer wiegt. Man besinnt sich dabei garnicht darauf, daß man mit solchem 
allegorischen Spiel gerade das tut, was man den negativen Kritiken vorwirft, 
daß man Menschenwitz über Gottes Wort stellt. Ja, es ist schlimmer als jene 
Kritik, denn diese will doch ernstlich und ehrlich den Sinn ermitteln und stehen 
lassen, den die betreffenden Aussagen der Propheten und Apostel nach der 
Meinung ihrer Urheber wirklich haben, wenn sie sich auch nicht diese Meinung 
aneignet; das Willkürspiel mit dem Buchstaben der Schrift muß notgedrungen 
vielfach Menschenfündlein in das heilige Wort hineinzwängen, um überhaupt 
einen bedeutungsvollen Sinn aus jedem Satz wieder heraus zu lesen! 
Nun sind es allerdings die besten und anerkanntesten Gottesgelehrten, die 
sich unumwunden gegen solchen Mißbrauch der Heiligen Schrift im Sinn jenes 
mechanischen Jnspirationsbegriffs erklärt haben und noch erklären. Ich erwähne 
nur Profeffor Kähler in Halle und Schlatter in Tübingen, um zwei der 
bekanntesten zu nennen. Ebenso Senior Behrmann in Hamburg, desien Ein 
führung in die Heilige Schrift im Evangelischen Monatsblatt neulich so rühmlich 
erwähnt wurde. Nicht minder verkünden zwei der schärfsten Widersacher der 
modernen Theologie, D. Stöcker und unser Pfarrer Kühn, Herausgeber des 
kirchlichen Monatsblattes, bei jeder gegebenen Veranlassung, daß man unsere 
evangelische Kirche nicht mehr mit dem Dogma von der Verbalinspiration stützen 
könne und dürfe. Aber, daß dies offen gesagt wird, erscheint vielen schon als 
höchst bedenklich; man möchte doch lieber die Laienwelt in dem alten Irrtum 
lasien. Wenn nun gar ein so hervorragender Theologe und Vorkämpfer des 
Glaubens wie Dr. Lepsius es unternimmt, nach kritischer Methode den ur 
sprünglichen alttestamentlichen Text festzustellen — seine Konjekturen und Neue 
rungen sind freilich ziemlich gewagter Natur! — was muß er sich da für un 
erhörte Bitterkeiten von seinen eigenen Gesinungsgenossen aus den Gemeinschafts 
kreisen sagen lasten! Wie wird er da zum satanischen Abgefallenen gestempelt. 
Gerade dieser peinliche Lepsius-Streit hat zuletzt wieder aufs deutlichste gezeigt, 
daß man in vielen gläubigen Kreisen von jener nun einmal (unentrinnbaren 
theologischen Erkenntnis nichts wissen will, daß man leidenschaftlich erklärt: 
Wenn auch die ganze Wiffenschast sich zusammentut und uns die Fehlsamkeit 
des Schriftbuchstabens nachweist, wir kümmern uns nicht darum, wir protestieren 
dagegen, weil wir eben ein unfehlbares Schriftwort brauchen und haben wollen. 
Der Wille schiebt die Erkenntnis bei Seite, unterdrückt den Sinn für die 
Wirklichkeit! 
Das ist ja nun nicht weiter verwunderlich, im Gegenteil so verständlich wie mög
	        

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