Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Gehört die Theologie in ein Schulblatt? 
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lich und im gewissen Sinne berechtigt. Das Gemüt ist doch schließlich allemal stärker 
als die Einsicht — deus tantum cognoscitur quantum diligitur (Gott er 
kennt man in dem Maße, als man ihn liebt) — und in unserer Frage ist man 
durch sehr kräftige Gründe und nachhaltige Gewohnheiten veranlaßt, darauf be 
stehen zu bleiben, daß man die Offenbarung der Gottesliebe und demnach die 
Gotteserkenntnis nur in einem fehllosen Schriftwort haben könne. Denn wäre 
es anders, müßte man bei jedem Wort und Satz erst untersuchen und feststellen 
lassen, ob es echt oder unecht sei, so wäre der Glaube ja damit an die Wissenschaft 
und Gelehrsamkeit ausgeliefert, so wären wir in diesem Punkte gar nicht über 
die jüdische Religion und den Katholizismus hinausgekommen, die Laienwelt wäre 
nach wie vor in der wichtigsten Angelegenheit, dem Gebrauch des Gottesworts, 
von der Vormundschaft der Schriftgelehrten und Priesterschaft abhängig, und das 
reformatorische Grundprinzip von dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen 
wäre ein eitler Wahn. Ist dies ein Hauptgrund, wenn auch nicht immer ein 
vollbewußter, für das hartnäckige Widerstreben unserer frommen Laien gegen die 
Anerkennung des wirklichen Sachverhalts mit dem Bibelbuch — und ich glaube 
in dieser Motivierung nicht fehl zu greifen —, so muß man, wie gesagt, eine solche 
Begründung als berechtigt ansehen. Denn es ist so, der christliche Glaube darf 
sich nicht von der Theologie und der Wissenschaft überhaupt beherrschen lassen; 
er ist selbständiger Glaube oder gar kein Glaube. Wäre es anders, so wäre 
das Evangelium nicht mehr Evangelium, sondern Gesetz. In der römischen 
Kirche ist der Glaube gesetzlich, das Annehmen alles dessen, was die Kirche zu 
glauben vorschreibt; in der evangelischen Kirche soll der Gerechte seines eigenen 
Glaubens leben. 
Genug, das Verlangen des Frommen, in der Bibel einen ungefälschten 
Ouell zu haben, aus dem er selbst, unabhängig von der Schriftgelehrsamkeit, 
Lebenswasser zu schöpfen vermag, hat guten Grund. Er gerät also durch die 
Kenntnisnahme von dem wirklichen Tatbestand bezüglich des Schriftwortes in eine 
höchst mißliche Lage. Das Mißliche dieser Lage wird ihm ja freilich auf 
allerlei Weise auszureden gesucht. Es wird ihm gesagt: die Sache mit der In 
spiration ist nicht so schlimm; wenn auch die Verbalinspiration tatsächlich nicht 
mehr haltbar ist, so bleibt doch im Grunde alles beim alten; denn die gläubige 
Theologie hat ja längst nachgewiesen, daß die Behauptungen der negativen Kritik 
bezüglich der Unzuverlässigkeit des Schriftworts unendlich weit übers Ziel hinaus 
schießen. Die möglicherweise zuzugebenden Unsicherheiten, Fehler und Irrtümer 
beziehen sich durchweg nur auf Kleinigkeiten; in der Hauptsache ist unsere Bibel 
nach wie vor als authentisch und glaubwürdig anzusehen. — Diese Beschwich 
tigungen mögen nun ganz ehrlich und gut gemeint, auch, wie wir bald sehen 
werden, in gewisser Weise wohl begründet sein —, sie verfehlen dennoch den ge 
nannten Bedenken gegenüber völlig ihr Ziel. Denn abgesehen von der Frage, ob
	        

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