Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
es sich wirklich immer nur um Kleinigkeiten handelt, ob z. B der authentische 
Wortlaut des Vaterunsers, der uns in Luk. 11, 2—4 nach dem Grundtext doch 
recht ziemlich anders als in Matth. 6 überliefert ist, oder die Unechtheit von 
Mark. 16, 9—20, Joh. 8, 1—11 oder der berühmten Beweisstelle für die Drei 
einigkeitslehre 1. Joh. 5, 7 u. 8, so ganz nebensächlich ist — so ist mit der 
Vertröstung auf die Widerlegung der negativen Kritik durch die positive doch 
denen nicht geholfen, die eben von der Schriftgelehrtheil in ihrem Glauben 
unabhängig sein wollen! Wo ist denn, sagen sie, der Maßstab für die Unter 
scheidung der Haupt- und Nebensachen? Fängt man einmal an, Nebensachen und 
Kleinigkeiten der Kritik preiszugeben, wo ist da die Grenze?! Welcher noch so 
gelehrte und fromme Mensch hat dem göttlichen Wort gegenüber das Recht, 
Haupt- und Nebensache voneinander zu scheiden? Gibt man das Recht solcher 
Unterscheidung im Prinzip zu, so ordnet man damit ja sofort wieder die Frömmig 
keit der Gelehrsamkeit unter! Muß die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift in 
diesem oder jenem Punkte von den Textkritiken und Auslegern erst bewiesen 
werden, so ist sie eben damit hinfällig geworden, weil in den Fluß mensch 
licher Arbeit und sich gegenseitig bestreitender. Beweisführungen hineingezogen. 
Kann die Authentie des Bibeltextes nicht als ein unantastbares Axiom, als ein 
des Beweises nicht bedürftiger Glaubenssatz verstanden werden, so wird sie für 
den, einen gewissen Grund fordenden, Glauben überhaupt unbrauchbar. 
Daher sind auch alle so beliebten und an sich wohl berechtigten Umformungen 
der alten Jnspirationslehre jenem frommen Grundbedenken gegenüber wirkungslos. 
Mag man statt der Wortinspiration die S a ch inspiration einführen, mag man 
deuten, nicht der Text der Bibel ist inspiriert, sondern die heiligen Schriftsteller 
waren „vom Heiligen Geist getrieben", also inspiriert; alle solche und andere Ab 
milderungen und Vergeistigungen des mechanischen Jnspirationsbegriffs helfen dem 
nichts, dem es sich um die Frage handelt: Habe ich einen unbedingt zuverlässigen 
Schrifttext oder nicht, habe ich in jedem Bibelwort Gottes Wort oder nicht? 
„Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn?" 
Ich meine also, man tut von apologetischer Seite nicht wohl, die Schwierig 
keit der Sachlage zu verschleiern; gestehe vielmehr, daß der heftige, um nicht zu 
sagen fanatische Widerspruch gegen alle und jede Einschränkung und Modifizierung 
des Jnspirationsdogmas, wie er uns in den letzten Jahrzehnten von Zeit zu 
Zeit in den verschiedenen deutschen und schweizerischen Gebieten — im Kampf 
z. B. um Kier-Tondern, Kinzel-Basel und um Lepsius entgegentritt, mir sympa 
thischer ist, als die Verdunkelungen und Abschwächungen, die eine ängstliche 
Apologetik dem zarten Lebensproblem unserer Kirche immer wieder angedeihen 
läßt. Man sollte vielmehr, statt die Fatalität zu vertuschen, ihr voll ins Ge 
sicht sehen, man sollte die aus dem Fortschritt der Erkenntnis sich notwendig er 
gebende Gefährdung des Glaubens als wirkliche Not empfinden lernen. Erst
	        

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