Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Gehört die Theologie in ein Schulblatt? 
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dann wird man sich auf eine wirksamere Abwehr dieser Gefahren besinnen, erst 
dann wird man einsehen, daß diese Not nicht von ungefähr kommt, sondern eine 
gottgeordnete Anfechtung unserer Glaubensgewißheit ist, die uns nach Gottes 
Rat in die Vertiefung und zu einer sichereren Verankerung des Glaubens treiben 
soll, als wir sie bisher in der Fundamentierung auf dem bloßen Schristbuchstaben 
hatten. Die Glaubenszuversicht ist ja nicht ein so leicht zu behauptender Besitz; 
sie muß wie alle höheren Güter beständig gegen immer stärkere Angriffe ver 
teidigt und neu begründet werden. Genügte s. Z. für die Behauptung der evan 
gelisch reformatorischen Heilserkenntnis Rom gegenüber die Berufung auf den in 
spirierten Schriftbuchstaben, so ist diese Beweisführung jetzt nicht mehr durch 
schlagend; wir müffen unseres Heils auf eine innerlichere und überzeugendere 
Weise gewiß werden. 
Die ganze Frage spitzt sich, wie schon mehrfach gestreift, dahin zu: Ist die 
Bibel Gottes Wort, redet Gott zu den Menschen in glaubhafter Weise 
durch das Schriftwort oder nicht? Oder: Haben wir es in der Bibel mit einer 
zuverlässigen Gottesoffenbarung zu tun? Dies führt sofort auf die noch 
größere und wichtigere Frage: Können wir überhaupt eine tat 
sächliche, objektive Offenbarung Gottes festhalten? Um diese 
Frage dreht sich, wenn ich recht sehe, der ganze theologische Streit der Gegen 
wart. Die Verneinung dieser Frage ist's, was man der modernen Theologie 
vorwirft; in dieser Negation muß sie aufs nachdrücklichste bekänipft werden. Ohne 
eine wirkliche Gottesoffenbarung kann kein Glaube, keine Kirche bestehen, ohne sie 
wird alles zu subjektiver Menschen-Phantasie, zur Illusion. Haben wir über 
haupt eine wirkliche Gotteserkenntnis, so können wir sie nur dadurch gewinnen, 
daß Gott seinerseits sich zu erkennen gibt; sonst wäre ja Gott nur ein Gedanke 
des Menschen, der Mensch würde Gott wieder nach seinem Bilde schaffen, wie 
es die Heiden tun. 
So gewiß wir nun unserer Sache hierin sind, und so unbedingt wir an 
dem Postulat der wirklichen Offenbarung des lebendigen Gottes festhalten und 
eben hier die Grenze zwischen Glauben und Unglauben ziehen müffen, so ist da 
mit doch keineswegs schon die obige Frage nach dem Verhältnis von Heiliger 
Schrift und Wort Gottes oder Offenbarung erledigt. Darüber sind die Offen 
barungsgläubigen einig, daß Gott sich zunächst in Taten, in der Geschichte offen 
bart hat und daß die Schriftsteller uns diese geschichtliche Offenbarung Gottes 
vermittelt und überliefert haben. Die Tatoffenbarung ist durchaus die primäre, 
ursprüngliche, die Wortoffenbarung die abgeleitete, sekundäre. Die Leser wollen 
sich nur daran erinnern, mit welchem Ernst es Dörpfeld einschärft: Die göttlichen 
Offenbarungen (in Schöpfung und Erlösung) sind nicht Doktrinen, 
Lehrsätze, Worte, sondern Werke, Taten, Geschehnisse 
<XI. Band S. XVI), und wie er darauf hinweist, daß die orthodoxe Theologie
	        

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