Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
diese Wahrheit zwar anerkennt, aber sie weder in ihrem Vollsinne erfaßt, noch 
in allen ihren Konsequenzen praktisch durchführt! In der Tat, würde diese Wahr 
heit in ihrem Vollsinne erfaßt, so würde man das Problem: „Wort Gottes oder 
Heilige Schrift" aus einem etwas anderen Gesichtspunkte ansehen und hätte die 
oben gekennzeichneten Gefahren, die aus den Tatsachen der Geschichtswissenschaft sich 
für den Glauben ergeben, im Prinzip schon überwunden. — — 
Alle wahre Religion, führte ein angesehener Theologe neuerdings aus, muß 
auf Offenbarung beruhen, denn ein wirkliches Verhältnis zu Gott, das als solches 
doppelseitig ist, kann niemals auf bloßen Gedanken der Menschen über die Gottheit be 
ruhen, und seien sie noch so richtig. Gott muß in mein Leben eintreten, muß mir etwas 
werden, wenn das Verhältnis zu ihm ein persönliches sein soll, d. h. eben, er 
muß sich offenbaren. Und zwar genügt es nicht, daß mir andere über ihn be 
richten, mir sagen, wie er beschaffen sei, was er von mir wolle, denn das würde 
nur ein indirektes, kein persönliches Verhältnis ergeben. Unmittelbar muß er 
in mein Leben eintreten. „SeineOffenbarung muß Tat an mir sein*). 
Weiter aber muß es eine erlösende Offenbarung" sein. „Nur wenn die 
göttlichen Zwecke meine Zwecke geworden sind, Gottes Lebensinhalt mein Lebens 
inhalt, ist Gemeinschaft mit Gott — d. h. Religion — möglich. Darum 
brauche ich Erlösung von mir selbst, von meinem natürlichen Wesen. Der tiefste 
Grund meines Ich muß umgestaltet werden. Wieder liegt es in der Natur der 
Sache, daß ich selbst das nicht leisten kann. Das ist die Zentralfrage aller 
Religion: wer kann, was ich nicht kann? Nur eine göttliche Tat kann das 
leisten, und in ihr besteht die erlösende Offenbarung Gottes. Gibt es solche 
erlösende Offenbarung nicht, so gibt es auch keine reale Gemeinschaft zwischen 
mir und Gott. Diese wirkliche und zwar erlösende Offenbarung Gottes ist in 
der Person Christi gegeben. Er ist die Offenbarung Gottes. Es genügt nicht, 
daß er uns über Gott belehrt hat, sondern darauf kommt es an, daß Gott so 
ist, wie dieser Jesus Christus, daß, wer ihn sieht, den Vater sieht, daß, wer mit 
ihm in Berührung tritt, mit Gott selbst in Berührung tritt, daß, wer ihn er 
faßt, damit Gott selbst erfaßt. Und er ist die erlösende Offenbarung Gottes. 
Er hat nicht nur ein Ideal aufgestellt, wie wir sein sollen, sondern in ihm ist 
die Kraft gegeben, die wir selbst nicht haben, die Kraft, von Schuld und Macht 
der Sünde zu erlösen. Und diese Kraft der erlösenden Liebe, die in seinem Tode 
sich vollendet, geht noch heute von ihm aus. Das ist der Inhalt der wirk 
lichen und erlösenden Offenbarung Gottes". Von diesem eigentlichen Inhalt ist 
nun die Form zu unterscheiden, in welcher dieser Inhalt sich darbietet. „Was 
wir unmittelbar wahrnehmen, uns ins Bewußtsein fällt, ist immer ein Reflex 
des eigentlichen Offenbarungsgehaltes. Denn nur in solchem Reflex, in solcher 
Von mir gesperrt. 
D. V.
	        

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