Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Schrift Christum „in uns verklärt". Nicht um ein „Dogma" von der Heiligen 
Schrift handelt es sich, — was man so nennen könnte, ist nur ein Versuch, die 
Tatsache zu verstehen, die durch die Jahrtausende hindurchgeht. Von dieser 
Tatsache leben wir alle, wir Theologen nicht minder als der 
ungebildetste Christ, daß von dem Schriftwort, genauer von 
der darin sich einen Leib schaffenden göttlichen Offenbarung, 
eine Kraft ausgeht, welche selig machen kann. Aus dieser 
Gesamtwirkung der Schrift, näher des Evangelirrms, das in 
ihr befaßt ist, noch näher des Christus, der selbst das Evan 
gelium ist, lebt wie der Einzelne, so die ganze Gemeinde 
Christi. Das ist die eine große Hauptsache". 
Diese Haupt'scheu Ausführungen über Offenbarung habe ich etwas ein 
gehender wiedergegeben, weil ich hoffe, daß sie bei der großen Mehrzahl der 
Schulblattleser, auch wenn sie theologisch weit voneinander abweichen, Verständ 
nis und Zustimmung finden, so daß sie einen geeigneten Boden für die Ver 
ständigung über die uns bewegenden Fragen und Nöte abgeben können. Wenn 
wir uns in diesem Gedankengange zusammenfinden, haben wir eigentlich schon 
die Antworten auf die Frage nach Bibel und Inspiration, nach der rechten 
Grenze von Glaube und Unglaube. Wir können nun die alte Fragestellung: 
„Ist die Bibel Gottes Wort?" dem Sinne nach freudig bejahen, 
wenn wir auch die Form der Fragestellung beanstanden. Denn die Bibel ist 
nicht Gottes Wort in jenem alten äußerlichen, mechanischen Sinne, als ob jeder 
Buchstabe als Diktat des Heiligen- Geistes uns gewährleistet wäre — so bequem 
hat uns Gott nun einmal die Grundlegung unseres Glaubens nicht machen 
wollen, sondern die Bibel ist uns, den Gläubigen, Gottes Wort, insofern 
wir durch sie und in ihr Gott mit uns reden hören, insofern wir aus ihr 
Gottes strafendes und tröstendes, richtendes und aufrichtendes, kräftiges und 
lebendiges Wort vernehmen und uns zu Herzen gehen laffen. Sie offenbart 
uns Gott, weil und in dem Maße, sie „Christum treibt" wie Luther sagt. 
Sie ist uns nun nicht mehr ein Gesetz des Buchstabens, sondern ein Organ des 
lebendigmachenden Geistes. Indem wir die vom Geiste Gottes ergriffenen und 
erfüllten Propheten und Psalmisten. Evangelisten und Apostel durch die Heilige 
Schrift in unsern Umgang hineinziehen oder vielmehr in den Umgang dieser 
Gottesmenschen hineingezogen werden, gewinnen wir ein persönliches Verhältnis 
zur Gottesoffenbarung. An ihren Wirkungen, nämlich daß sie uns eben in 
Beziehung zu Gott bringt, daß sie uns innerlich richtet und rettet, erfahren wir 
ihre göttliche Kraft. Haben wir diese aber erfahren, hat uns Gott etwas von 
sich durch die Bibel wirklich offenbart, so kümmern uns alle mühsamen theolo 
gischen Beweise für oder gegen die Inspiration nicht mehr; das Jnspirations- 
dogma ist dann nicht mehr der Grund unseres Glaubens; nicht mehr um des
	        

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