Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Das Universitätsstudium der Volksschullehrer. 
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Monatsschrift" und die des Prof. Wolfs im „Tag" soll im folgenden noch etwas 
näher eingegangen werden. Man wird dann erkennen, daß es diesen Herren 
nicht darum zu tun war, lästige und vordringliche Streber abzustechen, sondern 
daß sie als gute Freunde warnen und beraten wollen?) 
1. Professor Rein: 
Die Königsberger Sätze sind, wie es scheint, beschlossen worden wesentlich 
mit Beziehung auf die Hebung des Standes, seine (Reins) Thesen sind nieder 
geschrieben zunächst mit Rücksicht auf das Wohl und das Gedeihen der Volks 
schulen und dann erst unter Berücksichtigung der Staudesinteressen. Nach jenen 
Beschlüssen soll die Volksschullehrerbildung verlaufen wie die der Juristen, Me 
diziner, Theologen und Philologen: also Absolvierung einer neunklassigen höheren 
Schule, sodann Universitätsbesuch, Staatsprüfung, Anstellung im Volksschuldienst. 
Das bedeutet einen völligen Bruch mit allen Überlieferungen und bisherigen 
Entwicklungen des Ganges der Lehrerbildung, es birgt die Gefahr in sich, daß 
alles Errungene auf dem Gebiet der Volksbildung in Frage gestellt wird. Die 
Gleichstellung mit andern höheren Berufen erinnert stark an Schablonentum. Auch 
müßte untersucht werden, ob dieser Bildungsgang ein so idealer sei, daß man 
ihn ohne weiteres auf die Bildung der Volksschullehrer übertragen solle. Eine 
Kritik des Bildungsganges der Oberlehrer macht das vielmehr recht zweifelhaft. 
Stehen die Lehrer der Gymnasien an pädagogischem Takt, an Liebe zur Jugend, 
an methodischem Geschick so viel höher, als die Lehrer der Volksschulen? Die 
besten Lehrer sind doch die, die mit gründlichen Kenntnissen Charakter verbinden, 
die ihr ganzes Herz in ihre Tätigkeit legen, ihren Beruf wirklich lieben. Es 
ist die ausschlaggebende Seite des Lehrerberufes, die von den Seminaren zu 
pflegen ist, dem Wissen die praktische Richtung auf die Erziehung der Jugend 
zu verleihen, wodurch es nicht an Würde verliert, sondern vielmehr gewinnt, da 
es dem Leben dienstbar wird. Aber dieser Aufgabe sind die Seminare wenig 
gerecht geworden; durch kasernenmäßiges Wesen und Drill, durch kirchlichen 
Memoriermaterialismus, durch Engherzigkeit haben sie mehr Leben erstickt als 
geweckt. 
Doch sind die Seminare auf dem besten Wege, sich zu außerordentlich 
leistungsfähigen höheren Schulen auszubilden: 1. durch bessere Ausrüstung der 
Seminaristen mit einer tüchtigen Allgemeinbildung, 2. durch Ausgestaltung des 
Seminars zu einer pädagogischen Fachanstalt, 3. durch bessere Vorbildung der 
Seminarlehrer aus der Universität. Die letzte Seminarreform in Preußen be 
deutet einen so großen Fortschritt, daß es schwer begreiflich ist, wie man angesichts 
solcher Errungenschaften mit einem Satz die Existenz dieser Anstalten in Frage 
stellen kann. Was den Seminaren allerdings jetzt noch vielfach fehlt, ist ein 
tüchtiges, gut vorbereitetes Lehrerkollegium. Dafür haben die 
x ) Wir geben diese Auslassungen im Auszuge, der Kürze wegen die Hauptgedanken 
zusammenfassend, unter Wahrung des gedanklichen Zusammenhanges, die direkte Wieder 
gabe ist nicht besonders kenntlich gemacht. 
2 ) Diese lauten: „1. Die Universitäten sind in ihrer gegenwärtigen Verfassung 
vollständig ungeeignet für die Ausbildung der Volksschullehrer, wohl aber erscheinen 
sie als Zentralstätten wissenschaftlicher Arbeit dazu berufen, der Fortbildung der Lehrer 
zu dienen. 
2. Jeder Lehrer soll auf Grund seines Seminarabgangszeugnisses an jeder Uni 
versität immatrikuliert werden können, wie dies bereits an vielen Universitäten der 
Fall ist. .
	        

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