Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Übersetzung berührt auch irgendwie den Sinn des Originals, und wir Deutschen 
haben tatsächlich ein anders gefärbtes, ein durch ein anderes Medium hindurch 
gegangenes Gotteswort als die Griechen, Franzosen und Engländer. 
An diesen uns beim ersten Überlegen vielleicht peinlichen Gedanken müssen 
wir uns nun einmal gewöhnen, daß wir eben in unserer armen Menschensprache, 
unsern menschlichen, unzureichenden Ausdrücken und Bildern von dem erhabenen 
Gott sprechen, also in durchaus unzulänglicher Weise seine Gedanken und sein 
Wesen in unsre beschränkte, diesseitige Vorstellung zu fasten suchen, daß all 
unser Reden von Gott nur ein Stammeln ist, wie ein Kind sich bemüht, etwas 
auszudrücken, was es wohl fühlt und wovon es bewegt wird, was es aber noch 
nicht soweit geistig beherrscht, um es in die angemestenen Worte zu kleiden. Das 
Zugeständnis sollte freilich einem frommen Christen eigentlich nicht schwer fallen, 
da doch die Bibel voll ist von solchen Zeugnisten demütiger Anerkennung der 
Unzulänglichkeit und Inadäquatheit menschlichen Redens und Denkens in Bezug auf 
göttliche Dinge! Und wenn der Sänger sich „tausend Zungen und einen tausend 
fachen Mund" wünscht, um Gottes Lob zu verkünden, so meint er das doch gewiß nicht 
bloß quantitativ, sondern er ist von dem Ungenügenden unserer stammelnden 
Zunge dem großen Gott gegenüber aufs tiefste bewegt. Warum sollten wir 
uns also aus die unbescheidene Vorstellung versteifen, daß wir die absolute Wahr 
heit über Gottes Wesen, Rat und Wirken in menschlicher Rede und Sprache, in 
bestimmt formulierten dogmatischen oder katechismusmäßigen Definitionen und 
Ausdrücken schon fertig besäßen, daß wir bereits Inhaber der alles Denken über 
steigenden Wahrheit sein müßten, nicht aber mehr Forscher und Sucher sein 
dürften? — Machen wir uns aber diese mit unserer menschlichen Beschränktheit 
nun einmal notwendig gegebene Tatsache klar, daß wir überhaupt nicht imstande 
sind, Gottes eigentliches Wesen in unsere Vorstellung und Sprache zu fasten, 
daß Gott, so sehr wir mit unserm Gefühl, mit unserm innern Schauen auch 
seiner unmittlbar gewiß werden sollen und können, für das reflektierende Denken, 
solange wir auf Erden wallen, stets ein Problem bleiben wird, — nun, dann 
stellen wir uns eben zu den Fragen der Kritik, auch der Kritik an dem über 
lieferten Dogma, d. h. dem menschlichen Versuche, Unsagbares zu sagen, ganz 
anders, als wenn wir dieses als abgeschlostenen Inbegriff der absoluten Wahrheit 
ansehen und gesetzlich fixieren. Von dem Wahn, daß die menschliche Vernunft 
Gott theoretisch wirklich erkennen und beweisen könne, hat Kant die denkende 
Menschheit ein für allemal befreit, (vgl. Aprilheft S. 161 ff.) und so unbequem es 
auch für uns ist, daß infolgedeffen viele Vorstellungen Probleme geworden sind 
oder noch werden, die uns bis dahin mit der höchsten Autorität festzustehen 
schienen, so segensreich wird uns durch diese Einsicht in die Schranken des 
menschlichen Denkens erst der Blick für das Wesen des Evangeliums und der 
göttlichen Offenbarung, der Religion überhaupt, eröffnet. Sie ist eben keine 
theoretische, sondern eine praktische Angelegenheit des menschlichen Geistes. Wir
	        

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