Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

34 n. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Universitäten zu sorgen. Freilich die preußischen Universitäten können es so lange 
nicht, als sie keine pädagogischen Lehrstühle besitzen; und so wird dort vorläufig 
die Seminarreform mehr oder weniger auf dem Papier bleiben. 
Was den Volksschullehrer auszeichnet vor andern Lehrerkategorien, ist seine 
Vielseitigkeit. Er muß in den humanistischen Fächern so gut wie in den 
naturwissenschaftlichen bewandert sein, dazu eine künstlerische Ausbildung in Musik, 
Zeichnen, Turnen empfangen haben. Und nun stelle man sich vor, daß der 
künftige Volksschullehrer von der Oberrealschule aus in die Universität eintritt, 
die ihn ausbilden soll. Pädagogik mit ihren Teilen, allgemeine Didaktik und 
spezielle Methodik gibt es dort nicht, oder nur ausnahmsweise. Dafür allerdings 
die Grundwissenschaften, Ethik und Psychologie, Physiologie und Hygiene, und 
die reiche Fülle der einzelnen Fachwissenschaften. Durch alle diese Fächer soll 
sich der künftige Volksschullehrer durcharbeiten! — Die Forderung, jeder Volks 
schullehrer solle seine Ausbildung auf der Universität erhalten, macht zwar dem 
Herzen der Königsberger Mehrheit alle Ehre, aber der Reife ihres Urteils stellt 
sie kein günstiges Zeugnis aus. Unser Volksleben hat individuelle Bedürfnisse, 
ihnen hat sich der Bildungsgang der Volksschullehrer anzupassen, darum ist die 
schablonenhafte Nachbildung des Bildungsganges der Oberlehrer verfehlt. 
Es gibt im Reich gegenwärtig 235 Lehrerbildungsanstalten und 26 
Lehrerinnenseminare. Die Arbeit dieser 261 Anstalten soll künftig von den 
21 Universitäten übernommen werden; nach Wegfall der Seminare würden 
21000 angehende Lehrer und Lehrerinnen in die Universität eintreten, so daß 
jede Universität durchschnittlich um 1000 Studierende wachsen würde. Diese 
Verteilung würde recht ungleichmäßig vor sich gehen, und es würden durch 
Massenanhäufung von Studierenden die größten Schwierigkeiten ent 
stehen. Wo sollten auch für diese Massen die Übungsschulen herkommen? — 
Die stürmischen Geister mögen sich beruhigen. Wenn — nach den Forderungen 
der Gemäßigteren — nur ein kleiner Prozentsatz der Lehrer auf die Universität 
kommt, dieser Prozentsatz wird mit der Zeit steigen. Die Lehrerschaft möge sich 
an diesem Prozeß freuen und ihn zu unterstützen suchen und stolz darauf sein — 
statt billige und bissige Randglossen dazu zu machen. (Man hatte nämlich den 
Vorschlag, den Tüchtigsten und Strebsamsten die Universität zu öffnen, mit dem 
„Witz" abgetan, die Leichtesten würden an den Kletterstangen zuerst oben sein.) 
Über die Zulassung der Lehrer zur Fortbildung auf der Universität auf 
Grund des Seminarabgangszeugnisses dürften alle weiteren Worte überflüssig 
sein, nachdem die Abiturienten der Oberrealschulen zur Immatrikulation zugelassen 
worden sind. Denn für Kenner der betr. Verhältnisse liegt es auf der Hand, 
daß die Bildung der Seminarabiturienten derjenigen gleich zu achten ist, die auf 
der Oberrealschule erworben wird. Deshalb muß das größere Publikum mit 
den herrschenden Kreisen sich nach und nach daran gewöhnen, die Seminare 
in der Reihe der höheren Lehranstalten zu sehen. Die Gegner inner 
halb der Universität seien aber vor allem darauf aufmerksam gemacht, daß die 
Hochschulen durch den Eintritt der Volksschullehrer nur gewinnen können. Eine 
fleißige, strebsame und dankbare Gruppe von Studenten wird durch sie gebildet, 
fern von allem Couleurprotzentum, feind den Trinkunsitten, die soviel Kraft, 
Frische und Freudigkeit unserer Jugend rauben. 
Allerdings ist notwendig, daß der Eintritt in die Universität nicht sofort 
nach der Seminarzeit erfolgt, sondern erst nach einigen Jahren der Praxis, in
	        

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