Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

374 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Es soll nicht gesagt werden, daß es überflüssig sei, pädagogische Systeme zu 
entwickeln und die Pädagogik theoretisch auszubauen. Wir wissen, daß sogar 
manche Männer, die mit Erziehung und Unterricht praktisch recht wenig zu tun 
hatten, der Pädagogik doch in Wahrheit großartige Dienste geleistet haben. Ihre 
Gedanken hatten eben die Kraft, befruchtend in die Praxis einzudringen, und 
dadurch wiesen sich diese Gedanken als echte Pädagogik aus. Wo aber die 
Pädagogik in der Theorie stecken bleibt, da wird sie zum Selbstzweck, also zum 
Sport. Freilich gibt es ja manche Theorie, von der man nur wünschen kann, 
daß sie nicht zur Praxis werde; aber solche Dinge müssen eben auch als Theorie 
aus der Welt geschafft und durch Echtes ersetzt werden, das dann seinerseits be 
lebend und erneuernd in die Praxis eintreten kann. 
Aber auch in der Praxis besteht die Gefahr des Zum-Sport-Werdens für 
die Pädagogik; und gerade hier ist der sportsmäßige Betrieb dieser Kunst am 
gefährlichsten und verwerflichsten, denn hier handelt es sich ja unmittelbar um 
das Wohl menschlicher Wesen. Diese schwerwiegende Bedeutung der Praxis wird 
aber vielfach außer acht gelasfen und zwar besonders — abgesehen von handwerks 
mäßiger Schulmeisterei — beim pädagogischen Experimentieren. 
Allerdings tragen, zumal in der Jugend des Lehrers, viele seiner beruflichen 
Handlungen den Stempel des Versuchsmäßigen naturnotwendig an sich. Denn 
der reale Erfolg einer Bemühung ist nur dem unanfechtbar verbürgt, der ihn 
schon einmal erfahren hat, und die Erfahrung fehlt ja dem jungen Lehrer. Aber 
je weiter der Lehrer in seinen Erfahrungen noch zurück ist, desto ernstlicher und 
sorgfältiger muß er die Überlegung arbeiten lassen, und wovon sie ihm den 
besten Erfolg verspricht, das muß geschehen; ganz unbekümmert darum, ob etwas 
anderes vielleicht in rein wissenschaftlicher Hinsicht intereffanter sein würde. — 
Die Versuchung, interessante Experimente besonders psychologischer Art mit den 
Kindern anzustellen, ist sehr einfach begründet in der Tatsache, daß die Psycho 
logie, diese vornehmste Hülfswiffenschaft der Pädagogik, in ihrer Ausbildung 
wesentlich auf Beobachtungen des Lebens beruht und zumal auf Beobachtung des 
kindlichen Seelenlebens. Vom Beobachten kommt man eben folgerichtig zum Ex 
perimentieren. Denn die Natur bietet nicht immer die gerade gewünschten 
Stellungen und Verhältnisse dar, und die Lücken in der Beobachtung, die daher 
entstehen, sucht man durch Experimente auszufüllen. 
Dagegen ist an und für sich auch nichts einzuwenden; aber immer muß bei 
solchen Handlungen des Lehrers die Rücksicht auf das eigentliche Ziel, auf die 
Menschenbildung, regierend im Mittelpunkte des Jnteresies und der Arbeit stehen. 
Mancher denkt vielleicht, daß ihn ja eben menschenbildnerische Zwecke leiten, wenn 
er die Kinder etwa zu einem psychologischen Experiment benutzt. Denn, so sagt 
er sich, wenn auch der Nutzen des Versuchs für die betreffenden Kinder selbst 
von vornherein zweifelhaft ist und oft ausbleibt, so diene ich doch immer der 
Pädagogik als solcher, der pädagogischen Wissenschaft, und damit ja weiterhin 
wieder der Menschheit selbst, um die es sich freilich zuletzt handeln muß. Das 
ist Selbstbetrug oder Heuchelei. Wenn ein Erzieher nicht mit peinlichster 
Gewissenhaftigkeit stets — auch bei wissenschaftlichem Streben in seiner Praxis — 
auf das Wohl eben des Menschenkindes denkt, das er augenblicklich vor sich 
hat: wie kann er sich dann einbilden, dem Wohl der „Menschheit" recht zu 
dienen! Es handelt sich immer zunächst um die stetige Förderung des 
gegenwärtigen Zöglings, nicht zunächst um den Fortschritt der „Pädagogik als
	        

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