Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Pädagogik als Sport. 
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solcher". Und niemand hat das Recht, einen Mitmenschen, und sei es auch 
„nur" ein Kind, und sei es auch „nur" in einem einzelnen, „an sich" un 
bedeutenden Falle, dem bloßen „Gemeinwohl" zuliebe, irgendwie wissentlich zu 
gefährden. Sobald diese Gefährdung zum wirklichen Schaden für das Kind 
wird, das als Versuchsobjekt dient, hat man ein, wenn auch oft nur geringes, 
Opfer erzwungen, und das ist nicht christlich. — Freilich wäre es grundverkehrt, 
mit dem unbedenklichen Experimentieren auch das denkende Beobachten in der 
Schule zu verwerfen und das. was man in der Schule zu tun hat und erfährt, 
nicht auch für die theoretische Pädagogik ausnutzen zu wollen. Aufgabe und 
Kunst einer echt fortschrittlichen Pädagogik ist es, beiOe Interessen, das Interesse 
des Zöglings und das der Wissenschaft, je und je im einzelnen Falle zu ver 
einigen, soweit es möglich ist. Und unmöglich ist es nicht. 
Aber gerade aus der vermeintlichen Fürsorge für den einzelnen Zögling 
geht manchmal eine pädagogische Verfehlung hervor, die noch schlimmer als das 
Experimentieren, übrigens mit diesem verwandt ist. Das ist das Auf-die-Probe- 
stellen. Dies Unternehmen ist ein ausschließliches Recht der göttlichen Pädagogik. 
Denn Gott allein weiß, wieviel Kraft jeder Mensch von ihm empfangen hat, er 
kennt die sittliche Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Menschen. In der „Probe" 
aber liegt immer eine gewisse Versuchung zum Fehltritt. Das Vorhandensein 
einer besonderen Versuchung wird vor Gericht als Milderungsgrund gewertet, 
und das ist human. Aber im höchsten Grunde inhuman ist es doch, einen 
solchen „Milderungsgrund" gewissermaßen zuvorkommend bereitzulegen, ehe das 
Vergehen geschieht. Und dies tut eben der Pädagog, der seinen Zögling in der 
gedachten Weise auf die Probe stellt. Wenn nun der Zögling die Probe nicht 
besteht, wenn er fällt — wer hat dann eigentlich die größere Schuld: der kluge 
Probiermeister oder der schwache Prüfling? — Es muß bei dieser Sache noch 
ein anderes besonders erwähnt werden. Das suchende Herz eines Zöglings kann 
durch die Anmaßung des Erziehers, die in dem Auf-die-Probe-stellen zum Aus 
druck kommt, so befremdet und so irre gemacht werden, daß man jene Handlung 
wirklich ein frevles Spiel nennen muß, ein Spiel, das auf den größten pädagogi 
schen Leichtsinn zurückweist. — Selbstverständlich handelt es sich im obigen nur 
um das Erproben im sittlichen Sinne, in der Beziehung auf gut und böse. 
Sonst müßte man schließlich ja auch Extemporale und Examen verwerfen, und 
derlei Probestellungen, nämlich Erprobungen sittlich indifferenter Kräfte. 
Das gewiffenlose Experimentieren sowohl wie das leichtfertige Auf-die-Probe- 
stellen beruhen auf einer Überschätzung der Erzieherrechte einerseits und auf einer 
Unterschätzung des persönlichen Wertes im kindlichen Zögling andererseits. Doch 
ist für das Experimentieren wohl hauptsächlich der zweite Grund von Bedeutung, 
während für die andere Verfehlung besonders der erstgenannte gilt. 
Daraus, daß man die werdende Persönlichkeit im Kinde und ihre Rechte 
nicht genug achtet, folgen übrigens viele pädagogische Sünden. In dem Buche 
„Weide meine Lämmer!" betont Spurgeon gelegentlich, daß die Zeit, die der 
Erzieher in der Schule zubringt, nicht ihm gehört, sondern den Kindern. Wenn 
man das immer und überall bedächte, dann würde auch eine besondere Art von 
Sport bald verblühen, die jetzt hier und da in Schulen wuchert, ohne mit der 
Pädagogik auch nur das Geringste wirklich gemein zu haben. Manche Lehrer 
haben die Neigung, in der Schule, auch in ernsten Stunden, fortwährend billige 
Witze zu reißen, auf Kosten einzelner Kinder oder auf Kosten des behandelten
	        

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