Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

376 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Gegenstandes. Gewiß ist ein Scherz im Unterricht oft sehr wohl am Platze. 
Wieder Spurgeon hat gemeint: wenn die Zuhörer bei der Predigt einmal lachten, 
das schadete nicht, aber wenn sie schliefen, das wäre schlimmer; und Ähnliches 
mag auch für die Schule gelten. Aber es ist verkehrt, durch Witzeleien ersetzen 
zu wollen, was der Unterrichtskunst fehlt, und dabei natürlich das Ziel aus dem 
Auge zu verlieren. Auch steht es der erziehlichen Autorität des Lehrers gar 
nicht wohl an, wenn er ernste Dinge mit Lächerlichkeit umgibt. Besonders wort 
gewandten, jüngeren Lehrern liegen solche Neigungen nahe, und es liegt in der 
Natur der Sache, daß trotz der Wortgewandtheit sehr oft beim Drauflosreden 
„Witze" hervorkommen, die mehr Albernheit als Geist in sich tragen, ja vielfach 
nur durch ihre eigene verdrehte Form das Lachen reizen und daher der Schule 
überhaupt nicht würdig sind. Die Schule ist kein Treibhaus für Kasernen- 
hofblüten. 
Die Schulstube ist das Heiligtum der öffentlichen Pädagogik. 
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Heinrich Lettau. 
Wieder ist einer der besten unseres Standes zu den Vätern versammelt. 
Heinrich Lettau, durch seine fruchtbare literarische Tätigkeit auf dem Schulgebiete 
weit über die Grenzen Ostpreußens bekannt, schloß am 16. Juni d. I. seine 
Augen zum letzten Schlummer. 
Meister der Schule, 
Zier unsers Standes 
und Stolz der Gemeinde, 
ging er stets allen voran, 
wo es was Löbliches galt. 
Am 19. April 1836 zu Grunau, Kr. Heiligenbeil, geboren, tat er nach 
seiner Konfirmation Helferdienste in der einklassigen Schule seines Vaters, der 
dort Kantor war und zu den „lieben Söhnen" Dinters gehörte. Nach zwei 
jährigem Besuche des Angerburger Seminars (1853—55) war er zunächst 
1 1 k Jahre hindurch „Kantorgehilfe" bei seinem Vater und dann 5 Jahre in 
derselben Eigenschaft zu Balga, Kr. Heiligenbeil, beschäftigt. Seit 1861 wirkte 
er als Nachfolger seines Vaters in Grunau, bis ihn der fast gänzliche Verlust 
seines Gehörs zwang, aus dem öffentlichen Schuldienst zu scheiden. (1. Mai 1894.) 
Seine „Raumlehre" und seine Realienbücher, sowie „Kurze Präparationen 
zu den Biblischen Geschichten des Alten und Neuen Testaments," von zahl 
reichen Regierungen und Fachblättern zum Gebrauch empfohlen, sichern ihm einen 
Ehrenplatz in der pädagogischen Literatur. Wer ihn und seine einklassige Schule 
kennen gelernt hat, weiß, daß hier der rechte Mann am rechten Platze stand. 
Bei seinem scharf ausgeprägten Pflichtgefühl vergaß er nie die zumeist schriftliche 
Vor- und Nachbereitung und brachte infolge seines hervorragenden Lehrgeschickes 
und feinen pädagogischen Taktes seine Schule in allen Fächern auf einen selten 
hohen Standpunkt. Die Lektionen waren mit Salz gewürzt. Als geborener 
Schulmann verstand er es, auch Kinder fremder Schulklaffen zu freudigem 
Offnen des Mundes und Herzens zu bewegen, wie dieses z. B. gelegentlich 
einer amtlichen Konferenz in einem Fischerdorfe der Fall war. Für den zur 
Lehrprobe bestellten, aber plötzlich erkrankten Kollegen einspringend, behandelte
	        

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