Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

378 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Die Zahl der Selbstmorde im jugendlichen Alter (worunter der Verfaffer 
die Altersklassen unter 20 Jahren begreift) ist nicht nur im Verhältnis zur 
Gesamtzal der Selbstmorde hoch, sondern sie wächst auch stetig, sogar in bedeuten 
dem Maße. Sie betrug auf je 100000 Lebende der gleichen Altersklasse 
berechnet, im Jahre 1876: 21,2, im Jahre 1896: 32, in diesem Jahre 
endeten 2 Personen unter 10 Jahren, 63 zwischen 10 und 15, 444 zwischen 
15 und 20 Jahren durch Selbstmord — im ganzen nicht weniger als 509, 
wovon 333 männlichen, 176 weiblichen Geschlechts. 
In den 18 Jahrgängen 1883—1900 ergaben sich für die Altersklassen 
unter 15 Jahren insgesamt 747 Fälle, also ein Durchschnitt von 41,5 für das 
Jahr. Hier verhielten sich die männlichen Selbstmörder zu den weiblichen wie 
4,26:1. Wenn vorhin für das Jahr 1896 dieses Verhältnis etwa 2 : 1 ergab, 
das weibliche Geschlecht also verhältnismäßig stärker beteiligt war, so ist zu 
bedenken, daß dort auch die Altersstufen zwischen 15 und 20 Jahren, die durch 
die Pubertätsentwicklung besonders gefährdet sind, mit einbegriffen waren. 
Eine nur für die höheren Schulen berechnete Aufstellung ergab in 23 
Jahrgängen 323 Fälle, also im Durchschnitt 14, mit Jahresschwankungen 
zwischen dem Minimum von 5 (1882) und dem Maximum von 20 (1889, 
1897). Im Alter von über 15 Jahren waren die Knabenselbstmorde auf 
höheren Schulen fast viermal so häufig als im Alter unter 15 Jahren. 
Für den Psychologen und Pädagogen am wertvollsten ist die Bearbeitung 
der 245 Einzelberichte über Schülerselbstmorde an höheren Lehranstalten. 
Die erste Gruppe sind diejenigen Fälle, in denen es sich um mehr oder 
weniger deutlich ausgesprochene, vielfach in anscheinend akuter Form auftretende 
geistige Störungen handelt. Es sind dies mindestens 24 Fälle, also 10 °/o. 
Von diesen Selbstmördern endeten 16 durch Erschießen, 6 durch Erhängen, 
2 durch Ertränken. Von den beiden letzteren hatte einer — ein 14 jähriger 
Knabe — sich erst zu erschießen versucht, dann, da die Waffe versagte, sich mit 
einem Messer den Hals abzuschneiden begonnen und, als das Messer sich zu 
stumpf erwies, mit dem Strick die Tat beendet. „Man dürfte wohl mit der 
Annahme nicht fehl gehen, daß in so manchem dieser Fälle durch eine schärfere 
Aufsicht und durch ein rechtzeitiges Einschreiten von Haus und Schule das Un 
glück hätte abgewandt werden können." Von einem 15 jährigen, familiär 
belasteten Gymnasiasten berichtete der Hausarzt: „In den letzten Jahren stellte 
sich immer mehr Zunahme einer geistigen Gestörtheit ein, die sich stellenweise in 
sehr grellem Lichte darstellte, besonders in Wutausbrüchen und in seinem kranken 
gestörten Blick." Man muß dem Herrn Verf. recht geben, wenn er fragt: 
„Wie konnte einem solchen Knaben der Fortbesuch des Gymnasiums gestattet 
werden, wie konnte er in dem Gymnasium durch seine Leistungen auch nur 
genügen?" 
Eine zweite, der Zahl nach noch ansehnlichere Gruppe bildeten diejenigen 
Fälle, in denen eine neuropsychische Belastung, die man als eigentliche 
„Geistesstörung" nicht ansprechen konnte, vorlag. Es waren dies 40 Fälle, 
also mit den 24 der ersten Kategorie 64, oder 26°/o der gesamten Fälle. 
29 dieser Selbstmörder hatten sich erschossen, 6 ertränkt, 4 erhängt, 1 ver 
giftet; 2 der Erschossenen hatten vorher Vergiftungsversuche gemacht. In 
mehreren Fällen hatten schon die Väter durch Selbstmord geendet. Oft waren 
Kleinigkeiten die direkte Veranlassung zum Selbstmord, so in vielen Fällen Nicht-
	        

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