Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
mir nicht versagen anzuführen. Dort heißt es auf Seite 4: Früher wurde einfach 
auswendig gelernt: das Leberblümchen hat blaue Blüten; jetzt würde man zur Er 
klärung dieser Beobachtungstatsache etwa die folgende Kette von Schlüssen aufstellen: 
Die Blüte des Leberblümchens lockt zum Zwecke der Bestäubung Insekten an. Sie 
ermöglicht dies dadurch, daß sie auffällig ist, und kleidet sich in diejenige Farbe, die 
dem Kolorit der Umgebung entgegengesetzt ist. Der Hintergrund, auf dem das Leber 
blümchen blüht, ist bräunlichgelb gefärbt durch das den Boden bedeckende Welle Laub. 
Die Gegenfarbe zu gelb ist nun aber blau. Demnach hat die Blüte des Leber 
blümchens eine blaue Farbe. — Daraus würde also offenbar folgen, daß alle über 
welkem Laube wachsenden insektenblütigen Pflanzen in blauer Farbe blühen wüßten." 
— Nun läßt Kienitz-Gerloff eine Reihe von Autoren zu Worte, kommen, um zu zeigen, 
wie verschieden die Urteile über den didaktischen Wert der Ökologie lauten. Dann 
fährt er fort. „Es soll gewiß durchaus nichts gegen eine energische Betonung der 
ökologischen Verhältnisse im Unterricht gesagt sein, ihre einseitige Berücksichtigung ist 
aber ebenso schädlich wie überhaupt jede Übertreibung. Ich befinde mich in diesem 
Punkte in voller Übereinstimmung z. B. mit meinem Freunde A. Hansen, Professor 
der Botanik an der Universität Gießen, der sich auf der XI. Hauptversammlung des 
Vereines zur Förderung des Unterrichts in Mathematik und den Naturwissenschaften 
(Düsseldorf 1902) äußerte: Heutzutage verfährt man einseitig biologisch. Das ist ver 
fehlt; richtig ist, wenn wir eine gleichmäßige Durchdringung der verschiedenen Gebiete 
unserer Wissenschaft anstreben. Und auf derselben Versammlung sagte Geh.-Rat Vogel 
(Berlin): Es hat sich in letzter Zell die Mode herausgebildet, auf die Systemallk wenig 
Wert zu legen und fast verachtend auf dieselbe herabzublicken. Systematik ist nötig, 
die Schüler müssen in ein Reich eingeführt werden, da ihnen auch die Natur in Reichen 
gegenübertritt. Es ist auch vor der Strömung, die die Morphologie verwirft und nur 
reine Biologie kennt, dringend zu warnen. Beschäftigt man sich im Unterricht nur mit 
Biologie, so fehlt die Bestimmtheit, Klarheit, Festigkeit, und man verliert sich leicht in 
Abstraktionen. Morphologie, Biologie und Systematik gehören 
Eine Verbesserung! In einem Hilfsbuch für den Unterricht in der Geschichte von 
Eckerts, neu bearbeitet von Direktor 1)r. Devichsweiler, ist eine eigenartige „Ver 
besserung" in einem auf Johannes Hus bezüglichen Satze zu finden, die für das mo 
derne Streben unserer Zeit bezeichnend ist. In den älteren Ausgaben hieß es: „Auf 
eine Ladung erschien er zu Konstanz mit einem kaiserlichen Gelellsbriefe; er wurde 
trotz desselben verhaftet, vor die Kirchenversammlung geführt und, als er sich hier 
weigerte, seine Lehre zu widerrufen, als Ketzer verurteilt und mußte 1415 den Feuertod 
sterben." Die 25. Ausgabe erzählt: „Auf eine Ladung erschien er zu Konstanz mit 
einem kaiserlichen Geleitsbriefe, der ihm aber nur Schutz und Sicherheit für die Reise 
gewährte; er wurde verhaftet, vor die Kirchenversammlung geführt" usw. 
Hann. Schz. 
Die Schwachsinnigen vor dem Strafrecht. Auf dem 5. Berbandstag der Hilfs 
schulen Deutschlands sprach Oberamtsrichter Nolte aus Braunschweig über „die 
Berücksichtigung der Schwachsinnigen im Strafrecht des deutschen 
Reiches." Die Sache ist von großer Wichtigkeit, und wir teilen deshalb den Bericht 
über den Vortrag und die Diskussion mit, den die „Leipziger Lehrerzeitung" bringt. 
„Redner besprach die Bestimmungen des materiellen Strafrechts, die auf die Schwach 
sinnigen Bezug haben und führte aus, das im Gesetz zwei Gründe vorgesehen sind, die 
Strafe ausschließen oder mildern: Strafunmündigkeit oder mangelnde Ein 
sichtsfähigkeit. Beide fallen unter das große Kapitel von der Zurechnungsfähigkeit, 
d. h. die Tat wird nur dann zur Schuld, wenn sie ein Ausfluß des freien Willens 
des Täters ist. Es gibt aber zahlreiche Fälle, in denen die Fähigkeit, den Willen frei 
zu besttmmen, nicht gänzlich aufgehoben, sondern nur gehemmt ist, z. B. bei Trübungen 
des Bewußtseins, starken Wellen, leichtem Schwachsinn rc. Diese Vermindert 
zurechnungsfähigen, richttger Zurechnungsfähigen mit verminderter Schuld 
werden bis jetzt nicht berücksichtigt. Geschützt sind sie nur insoweit, als sie jugendlich 
oder taubstumm sind. Auch die Berechtigung des Richters, mildernde Umstände zu 
bewilligen, gibt den Schwachsinnigen nicht den erforderlichen Schutz, da diese Berech 
tigung nur für eine kleine Zahl von Verbrechen anwendbar ist. Die Unhaltbarkeit des 
jetzigen, seit 30 Jahren bestehenden Zustandes ist von verschiedenen Seiten, auch nam 
haften Strafrechtslehrern, anerkannt worden, aber es scheint unendlich schwierig, für die
	        

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