Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

III. Abteilung. Literarischer Wegweiser. 
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bahnt." Damit gibt er dem allgemein üblichen Begriff des geometrischen Vorkursus 
eine bedeutsame Erweiterung. Für die Schüler der Volksschulen, welche nicht die 
oberste Klasse erreichen, empfiehlt er allerdings auch die Absonderung eines rein an 
schaulichen Vorkursus, der die wichtigsten Lehren der Geometrie bringt. Die im Vor 
kursus vorkommenden Anschauungsformen sind Betrachtung und Beobachtung, wobei 
die letztere besonders zu pflegen ist. Der Verfasser weist dann den größeren Wert 
des beweglichen Modells gegenüber der Zeichnung nach. Die Zeichnung soll in der 
selbsttätigen und selbständigen Darstellung durch den Schüler zu ihrem Recht kommen. 
Sie findet ihre Vertiefung in der Bildung von Körpermodellen und Netzen, im Aus 
schneiden der Figuren und in den Meßübungen. Bezüglich des unterrichtlichen Ganges 
verzichtet der Verfasser auf einen systematischen Lehrgang wie auf einen durch die 
Reihe der geometrischen Körper bestimmten Gang, wie auch auf eine Stoffanordnung 
nach Formengemeinschaften. Er schlägt dagegen vor: 1. Grundbegriffe, an den geo 
metrischen Köpern entwickelt; 2. Erweiterung der Grundbegriffe durch Behandlung 
der Linien- und Flächengebilde; 3. die Ausmessung einfacher Raumgebilde. 
Der 2. besondere Teil des Buches gibt die schulgemäße Behandlung des Stoffes. 
Das empfehlenswerte Buch wird im geometrischen Unterricht aller Lehranstalten 
mit Nutzen gebraucht werden können. 
2. Will, vr. E.: Die Formengemeinschaften — ein Irrweg der Geometriemethodik. 
Dresden 1904, Bleyl u. Kämmerer. 61 S. 1,20 M. 
In dieser Streitschrift — sie ist eine Entgegnung auf Martins Kritik der Wilkschen 
Schrift: Der gegenwärtige Stand der Geometriemethodik — rechnet der in der Lite 
ratur des geometrischen Unterrichts rühmlichst bekannte Verfasser in scharfer, aber über 
zeugender Weise mit Martin, dem Vertreter des Prinzips der Formengemeinschasten in 
der Raumlehre, ab. Die Schrift — sie umfaßt die Kapitel: Der Begriff der Formen 
gemeinschaften, das Verhältnis der Formengemeinschaften zum Erziehungsziel, die 
Formengemeinschaften und das System der Geometrie, die Formengemeinschaften und 
die Kulturstufen, die Formengemeinschaften und die Konzentration — weist in tief 
gründiger Weise nach, daß der an sich richtige Gedanke der konkreten Ausgangspunkte 
nicht durch einseitige Betonung der Konzentration der Fächer zu einer Vergewaltigung 
der natürlichen Stofffolge ausarten darf. „Nicht die konkreten Sachen haben in der 
Raumlehre das Nacheinander zu bestimmen, sondern die geometrischen Begriffe und 
Probleme, deren Reihe wesentlich bedingt ist von der geschichtlichen Folge der Erkennt 
nisweisen." 
Das Büchlein wird jedem auf dem Gebiet der Geometrie-Methodik Aufschluß 
Suchenden dringend empfohlen. 
3. Niehus: Neuerungen in der Methodik des elementaren Geometrieunterrichts. 
Langensalza 1903, Beyer u. Söhne. 16 S. 0,25 M. 
In dieser psychologisch-kritischen Studie — dem 217. Heft der F. Mann'schen 
Sammlung „Pädagogisches Magazin" — kommt es dem Verfasser auf die Beant 
wortung zweier Fragen an: 1. Wie entsteht die Raumvorstellung, und 2. Wie wird 
der Schüler in die Gesetzmäßigkeit der räumlichen Verhältnisse am besten eingeführt? 
In der Beantwortung der ersten Frage wird aus der Voraussetzung, daß die Raum 
vorstellung nichts Gegebenes ist, sondern nach Herbart und Drobisch eine Reihenform 
unseres Vorstellens, gefolgert, daß der Geometrie-Unterricht nicht nur Anschauungs 
unterricht sein muß, sondern daß in ihm erst durch angespanntes Denken klare Raum 
vorstellungen entwickelt werden können. Bei der Antwort auf die zweite Frage gibt 
das Heft eine gedrängte Übersicht über die neueren Strömungen in der Methode der 
Geometrie. 
Das Merkchen ist als eine knapp gehaltene Orientierungsschrift empfehlenswert. 
4. Zeisstg, E.: Die Naumphantaste im Geometrie-Unterricht. Berlin 1902, Reuther 
u. Reichard. 108 S. 2,40 M. 
Die Schrift ist als Heft 6, Band V der „Sammlung von Abhandlungen aus dem 
Gebiete der pädagogischen Psychologie und Physiologie" von Schiller und Ziehen er 
schienen. Sie bietet in ihren drei Hauptabschnitten: Begriff der Raumphantasie, Wirk 
samkeit und Arten der Raumphantasie, Betätigung der Raumphantasie auf Einzel 
gebieten der Geometrie einen außerordentlich wertvollen Beitrag zum psychologischen 
Ausbau der Geometrie-Methodik. Leider kommt das Buch aus mancherlei Gründen 
sehr verspätet zur Besprechung. Ohne auf seinen reichen Inhalt einzugehen sei hier 
nur nachdrücklichst betont, daß wir in dem Werke ein weiteres Glied in der noch gar
	        

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