Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Aus Zahns Leben. 
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Von sich sagt Zahn: „Ich fühle mich zu dem Geständnis ge 
drungen, daß ich viel Pädagogisches und anderes gelernt habe bei der 
Herausgabe der Dorf-Chronik, daß ich sie nicht hätte schreiben können, 
wenn nicht Lehren und Lernen mein Lebensberuf gewesen, daß mir 
in Bestimmung dessen, was volkstümlich ist, die Bibel nach Form 
und Gehalt ein außerordentlich tiefgehender Ratgeber gewesen." 
Ernste Studien fordert er für die Ausarbeitung eines echt volks 
tümlichen Artikels. Er erzählt als ihm hochbedeutsam, daß der berühmte 
Historiker Schlözer, als er 1779 von Berlin den Auftrag bekam, für 
den Unterricht des späteren Königs Friedrich Wilhelms III. „die Linien 
zu einer Geschichte des preußischen Staates" zu schreiben, antwortete, er 
habe die Aufgabe äußerst reizend gefunden und sich gleich daran 
gemacht, aber bald habe er gesehen, daß die Arbeit noch ausgedehnte 
Studien notwendig mache, und so sei er zur Zeit nicht imstande, 
auch nur ein Pröbchen zu liefern. „Hört, hört, ihr Kinderbücher- 
Fabrikanten, die ihr aus dem Stegreif gleich ein Dutzend Kinder 
schriften macht!" ruft Zahn. 
Gern hätte ich zu den eingangs gegebenen noch einige Artikel 
hier aus der Dorf-Chronik mitgeteilt, aber der Raum will's nicht 
gestatten. Bis in seine letzten Lebensjahre hat Zahn die Redaktion 
beibehalten und die Freude gehabt, daß seine Chronik in ganz 
Deutschland und über dessen Grenzen hinaus unter geringen Leuten 
und Gebildeten ihren treuen Leserkreis hatte. Bei den älteren Lesern 
war es interessant, zu sehen, mit welcher Aufmerksamkeit sie die 
Berichte verfolgten, mit welcher Spannung sie das Urteil des 
Chronisten über neu eingetretene Ereignisse erwarteten, wie oft sie als 
bedeutsam anführten, was der Chronist gesagt hatte, wie groß über 
haupt der Einfluß der Dorf-Chronik war. 
Was Zahn in seinem schriftlichen wie mündlichen Verkehr mit 
den Volksschullehrern charakterisiert, ist die hingebende Liebe, die er 
ihnen entgegenbrachte. „Es ist ein großer Unterschied zwischen der 
äußern Gerechtigkeit, die da abwägt und zuteilt, was rechtens, und 
der Liebe der Mutter und der Wärterin, die eine eifersüchtige ist." 
An diese „eifersüchtige Liebe" zur Volksschule und zu ihren Lehrern 
muß man denken, wenn Zahns Worte über die Vorgesetzten und 
Leiter der Schule zu hart klingen. „Auch eifersüchtige Liebe kann 
schonungslos Schäden und Gebrechen aufdecken, aber sie tut es nie 
unzart oder gar ungerecht" (vgl. S. 281 ff.). 
Es ist ein wunderlich Ding um diese eifersüchtige Liebe bei 
Zahn. Sie ist ihm unerläßliche Vorbedingung jeder wirklich frucht- 
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